The Big Short: Den sie wissen nicht, was sie tun

Ich bin im Glauben aufgewachsen, das sie wissen, was sie tun.

In der Schweiz. Im Kern des inneren Zirkels. Im reichsten Land der Welt.

Bereits meine nach dem zweiten Weltkrieg geborenen Eltern wuchsen in einer blühenden Welt auf. In jener magischen Region zwischen Bodensee und Genfersee, die von den großen Kriegen verschont geblieben ist.

Als Kind wurde ich mit keinem einzigen größeren Problem konfrontiert, weder in meiner Familie, noch in der Gesellschaft. Es gab kleine, persönliche Sorgen, und Nachrichten wie das in den achtziger Jahren in omnipräsente “Waldsterben” beschäftigten mich, aber im Großen und Ganzen hatte ich immer den Eindruck, dass die Politiker, die Geschäftsleute, die Lehrer, das Kollektiv der Entscheidungsträger wüssten, was sie tun.

Natürlich kriegte ich mit, dass die Welt nicht überall blühte. Schon auf der anderen Seite der Alpen, in Italien, musste man in den Ferien aufpassen, dass einem nichts gestohlen wurde. Hinter dem Eisernen Vorhang lebten die Menschen gar in Ketten. Und in Indien hungerten die Kinder (bis zu Live Aid 1985 war es immer Indien). Aber das lag der allgemeinen Ansicht nach mehr an böswilligen Menschen (den Mitgliedern des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei zum Beispiel) oder daran, dass man in gewissen Teilen der Welt einfach noch nicht gelernt hatte, wie man alles richtig organisiert. Irgendwann würde man überall lernen, zu leben, wie bei uns.

Kurz gesagt, vertraute ich auf das System. Wie hätte ich auch nicht darauf vertrauen können. Aus der Sicht des mitten in einem funktionierenden System drinsteckenden, vor allem der eines Kindes, ist das die logische Schlussfolgerung.

Dieser Glauben, dass sie wissen, was sie tun, ist ihn meinem Gehirn auch heute noch festverdrahtet. Natürlich bin ich mir unterdessen bewusst, dass sie nicht wissen, was sie tun, aber ich muss mich immer wieder daran erinnern, sonst drohe ich den Reset-Modus zurückzufallen und den Experten zu vertrauen.

Vor ein paar Tagen sah ich The Big Short, ein Film über den Beginn der Wirtschaftskrise in den USA und den Zusammenbruch vieler Banken unter der Last von verrückten Hypothekenfonds. Nur ein paar wenige hatten den Zusammenbruch kommen sehen. Die Experten tappten im Dunkeln.

The Big Short ist ein Film, wie ich ihn vorher noch nie gesehen hatte. Die Figuren durchbrechen immer wieder mal die Vierte Wand, oder es tritt plötzlich jemand aus der realen Welt auf, der uns schnell etwas erklärt, das zu dramatisieren zu kompliziert gewesen wäre.

Er nimmt einem bei der Hand und rüttelt einem wach: Hey, bild dir besser selbst eine Meinung! Sie wissen nicht, was sie tun! Stabilität ist eine Illusion!

 

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