David Foster Wallace und Steve Jobs: Auflösung in der Schöpfung

Am Sonntag sah ich zwei Filme:

The End of the Tour: Ein Spielfilm über ein mehrtägiges Gespräch des Rolling-Stone-Journalisten David Lipsky mit dem amerikanischen Literaturgenie David Foster Wallace, und Steve Jobs, über den 2011 verstorbenen Apple-Gründer, ebenfalls amerikanisch und ebenfalls Genie, aber in seinem Fall ein Marketinggenie … obwohl ihm dieser Ausdruck nicht gerecht wird: Marketing war ein Instrument, Jobs dirigierte das ganze Orchester … ein Vergleich den Steve Jobs selbst brauchte, oder der ihm von Drehbuchautor Aaron Sorkin (noch so ein Genie …) in den Mund gelegt wurde.

Keiner der beiden Filme hat mich vom Sessel gehauen, aber ich habe beide gern gesehen. Steve Jobs entführte mich nicht in psychadelische Sphären (wie gewisse frühere Werke derselben Macher), aber die zwei Stunden war doch im Nu vorbei. The End of the Tour empfehle ich nur einem Publikum, dass sich für den kreativen Schaffensprozess interessiert. Ich habe beide Filme direkt hintereinander gesehen, was mehr mit den Spielzeiten als mit bewusster Planung zu tun hatte, aber ungeachtet dieses Zufalls verschmolzen beide Filme zu einer gelungenen Doppelvorstellung.

Ein Doppelvorstellung darüber wie die Schöpfung eines großen Werkes den Schöpfer formt. Oder frisst.

Vorhang 1: David Foster Wallace’s tausend-Seiten-Roman Infinite Jest (Unendlicher Spaß) ist ein totales postmodernes Eintauchen in die Gesellschaft und die Alltagskultur Nordamerikas. Ein gewaltiges Werk, dass nur möglich war, indem der Autor sich von den dystopischen Aspekten Amerikas infizieren ließ. Er beschrieb die Krankheit von innen, aus der Sicht des Kranken. Zwölf Jahre nach Erscheinen des Buches, beging David Foster Wallace Selbstmord.

Vorhang 2: Steve Jobs. Ich tippe diese Worte auf seiner Schöpfung, mit der es dem Schöpfer nicht um die Verarbeitung der Welt, sondern um die Veränderung derselben ging. Wenn David Foster Wallace seine geistige und körperliche Gesundheit opferte, indem er sich von der Banalität von Allem infizieren ließ, opferte Jobs den Menschen Steve, den der Mensch war ein Nichts und alle seine Beziehungen waren nur soviel Wert, wie sie der Schöpfung dienten. Seine Tochter stand Jobs im Weg: “Ich bin nicht dein Vater”, herrschte er sie an. Der andere Steve (Wozinak, das technische Genie hinter Apple) stand Jobs im Weg: die Beziehung zerbrach. Steve war es egal, den es gab keinen Steve mehr, sondern nur noch Apple. iMac. I’m Mac. I, Steve Jobs, am Mac.

Es gibt verschiedene Arten mit der Welt umzugehen, sie zu verarbeiten und aus ihr hinaus etwas zu schaffen. Jeder Künstler (Schöpfer) muss wohl durch das Tal der Schatten des Todes gehen, einige aber marschieren als warrior – als Krieger – und andere lassen sich von den Dämonen, denen sie begegnen, zerstören. Sie sehen ihre eigene Zerstörung vielleicht sogar als notwendigen Akt des Schaffens an. David Foster Wallace und Steve Jobs gehörten zur zweiten Kategorie. Sie lösten sich in ihrer Schöpfung auf.

(Selbstverständlich bezieht sich diese kurze Analyse weder auf Herrn Wallace noch auf Herrn Jobs, sondern auf die besprochenen Filme. Ein biographischer Film schafft seine eigene Wirklichkeit, welche natürlich nicht mit der Wirklichkeit seiner Quelle übereinstimmen muss. David Foster Wallace selbst, hat große Angst davor, zum Subjekt einer solchen neuen Wirklichkeit zu werden, z.B. der eines Zeitungsartikels, oder eben derjenigen dieses Films, oder meta-meta, derjenigen eines Blogeintrags über einen Film über ein Interview.)

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