Herr Pinneberg und Frau Lämmchen in Spanien

Als ich noch in London wohnte, hatte ich bei Waterstones und Foyles jahrelang übersetzte Bücher von Hans Fallada auf den Tischen liegen sehen (auf jenen Tischen auf denen man liegen muss, wenn man als Buch verkauft werden will, am besten mit einem Get-3-for-2-Kleber auf dem Buchdeckel). Ich kannte den Autor nicht, guckte nach und stellte fest, dass seine Bücher aus dem Deutschen übersetzt waren (natürlich, er heißt ja “Hans” …), was mich überraschte, da man Übersetzungen aus dem Deutschen eigentlich nie auf den Tischen liegen sieht (außer ab und zu mal Kafka und Hesse).

Aus irgendeinem Grund, vielleicht weil Falladas Bücher in den dreißiger Jahren in Deutschland spielen, hatte ich nie genauer hingeguckt. (Ich hatte damals eine Abneigung gegen deutsche Verarbeitungsliteratur: Trümmerliteratur, DDR-Literatur und vor allem Holocaust-Literatur; als Schweizer sah ich mich von der Sache nicht betroffen und die Tatsache dass, bevor ich in London wohnte und noch deutschsprachiges Fernsehen guckte, jede Literatursendung einen neuen deutschen, sehr betroffenen Verarbeitungsroman besprach, machte mich jahrelang immun gegen die Sache.)  Dass Fallada in der Zeit vor der nationalsozialistischen Machtübernahme schrieb und damit eben genau aus jener einzigartigen Perspektive dessen, der mitten drin steckt aber noch nicht wissen kann, was bald einmal geschehen wird, interessierte mich damals herzlich wenig.

Soviel zu meinem ersten Akt mit Fallada. Letztes Jahr dann ging der Vorhang hoch zum zweiten: Meine Schwester und später auch meine Mutter schwärmten so sehr vom Buch “Kleiner Mann – was nun?“, dass ich es mir, obwohl der Titel nicht unbedingt zur Lektüre einlud, dann doch zu Gemüte führte.

Mit Begeisterung. “Kleiner Mann – was nun?” ist ein großartiges Buch.

Es erzählt die Geschichte eines jungen Paares im Berlin vor Hitlers Machtübernahme. In einem brodelnden Berlin, wo die Ideen miteinander nicht in fruchtbarem, sondern in furchtbarem Streit lagen. In einem Berlin, wo man als kleiner Angestellter kaum genug zum Überleben verdiente. In einem hochinteressanten Berlin, wo man trotz allem gerne gelebt hätte – mit Geld in der Tasche und natürlich mit einer Zeitmaschine im Hinterzimmer, mit der man sich im Augenblick der Katastrophe fünfzehn Jahre nach vorne hätte katapultieren lassen können.

Als ich das Buch las, wohnte ich bereits in Madrid und stellte mit Erstaunen fest, dass man die Geschichte von Herr Pinneberg und Frau Lämmchen auch im heutigen Spanien ansiedeln könnte. Vor allem die prekäre finanzielle Situation vieler Mindestlohnverdiener (zu welchen auch Teile der ehemaligen Mittelklasse gehören) ist hier und dort vergleichbar. In Deutschland lagen verschiedene zum Teil extreme Ideen miteinander im Wettstreit – ebenso im heutigen Spanien. Dort wurde an der Republik gezweifelt, hier wollen viele die Monarchie zur Republik umwandeln, einige in verschiedene Republiken, unter anderem eine katalanische und eine baskische – und mehr würden folgen, wäre der Deckel erst einmal vom Topf. Hier wie dort lebt man gut, wenn man ein Einkommen hat und wenn man die Augen vor der Politik verschließt.

Ich möchte damit nicht sagen, dass auch hier ein Señor Hitler (oder der nächste Franco) in den Startlöchern steht, aber das Lebensgefühl für viele von der ökonomischen Krise Betroffene mag im damaligen Deutschland und im heutigen Spanien ein ähnliches sein.

Natürlich war in Berlin alles lauter, extremer und schlimmer. Aber trotzdem: Gäbe es die Europäische Union (und, zu einem geringeren Maße, die NATO und die UNO) nicht, wäre also Spanien ganz auf sich alleine gestellt, würde es auch hier in nicht allzu langer Zeit wieder einmal krachen. In zu vielen Köpfen herrscht noch immer Bürgerkrieg.

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