Hanns-Josef Ortheil: “Der Stift und das Papier”

Ich habe die Bücher von Hanns-Josef Ortheil vor ein paar Jahren kennengelernt, als ich seine große Kindheitsbiographie “Die Erfindung des Lebens” zu Weihnachten geschenkt erhielt und sie in jenen ruhigen letzten Tagen des Jahres mit Begeisterung las. Seither bin ich Ortheil-Fan.

Ortheil ist seit vielen Jahren überaus produktiv. Ich habe ein paar seiner Liebesromane und seiner historischen Romane gelesen, welche mir ganz gut gefielen, aber meine Begeisterung für Ortheil gründet auf den Büchern, in denen es um ihn selbst und vor allem um seine Kindheit geht.

Für Ortheil-Anfänger, welche sich für seine biographischen Romane interessieren, empfehle ich zuerst “Die Erfindung des Lebens” zu lesen, dann den hier besprochenen Roman “Der Stift und das Papier” und danach die beiden Reiseerzählungen, die er als Kind geschrieben hatte: “Die Moselreise” und “Die Berlinreise“. Das ist weder die Reihenfolge der ursprünglichen Verfassung der Texte, noch die ihrer Veröffentlichung, aber für mich die richtige Reihenfolge der Lektüre. (Nach dem Lesen von “Der Stift und das Papier” gehe ich davon aus – oder hoffe zumindest – dass wir bald mit der Veröffentlichung zweier weiterer Reiseberichte, die Ortheil als Kind geschrieben hatte, rechnen dürfen. Einer davon wird wohl “Die Parisreise” heißen und der andere wird von einer Kreuzfahrt von Antwerpen nach Istanbul handeln. Damit wäre die Reihe der Bücher über die vier großen Reisen, die der junge Hanns-Josef mit seinem Vater unternommen hatte, komplett.)

Um es ganz kurz zusammenzufassen: Ortheil hatte als Kind noch im Schulalter nicht gesprochen, bis ihm sein Vater mit viel Engagement und Kreativität das Sprechen mit Hilfe des Beobachtens, des Zeichnens und vor allem des Notierens beigebracht hatte. Aus diesen Übungen hat sich mit der Zeit eine Passion entwickelt – der Untertitel des Buches heißt: Roman einer Passion. Diese Passion ist das Schreiben. Das Aufschreiben, das Tagebuchführen, das Anlegen von Archiven und Chroniken. Anfangs ging es in den gemeinsamen Übungen des Vaters mit dem Sohn vor allem darum, Gesehenes und Gelerntes zu notieren, zum Beispiel indem der Vater einen im Wald gesehenen besonders schönen Baum zeichnete und der kleine Hanns-Josef darunter den Namen des Baumes schrieb. Bald aber wurde dieses Aufschreiben zur Passion und zur Obsession. Schon im Kindesalter stand Hanns-Josef um sechs Uhr morgens auf, um in einer zur Schreibwerkstatt umgewandelten Abstellkammer der kleinen Kölner Wohnung, in der er mit seinen Eltern wohnte, Notizen über den vergangenen Tag zu machen. Dabei entstand ein ausführliches Archiv, dass Ortheil bis zum heutigen Tag weiterführt. “Der Stift und das Papier” ist die Geschichte des ersten Jahrzehnts dieser Passion, von den Anfängen in Köln und im Westerwald bis zur Aufnahme seines Pianostudiums in Rom.

Das Buch ist bis auf das letzte Kapitel aus der Sicht des schreibenden Kindes erzählt und die Lektüre macht Lust darauf, selbst nach neuen Wegen zu suchen, mit den eigenen Erinnerungen und Beobachtungen umzugehen. Genauso wie die anderen erwähnten Bücher enthält es auch viel Inspiration für Eltern – Vater Ortheils unorthodoxe Erziehungsmethoden sind auch fünfzig Jahre später noch erstaunlich frisch. Das letzte, ganz kurze Kapitel, in welchem der Autor über den Entstehungsprozess des Buches schreibt, ist das Persönlichste und Emotionalste was ich von Ortheil bisher gelesen habe.

(Es stellte sich übrigens heraus, dass das erste Erwachsenenbuch, das den jungen Ortheil in seinen Bann geschlagen hatte, dasselbe war, dass mich als Jugendlicher aus der Welt von Jerry Cotton in die Welt der sogenannten Literatur eingeführt hat: Ernest Hemingways Erinnerungen “Paris- Ein Fest fürs Leben“.)

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