Schreiben statt Lesen

Ich habe, nach fast zehn Jahren Firmenaufbau, mein Geschäft unterdessen so organisiert, dass ich mir den Vormittag fürs Schreiben freihalten kann. Damit gehöre ich zu den wenigen Glücklichen, welche ihren Hobbys nicht nur am Abend, am Wochenende und im Urlaub nachgehen können (diese Zeitkategorien sind in meinem Fall fast ausschließlich der Familie gewidmet), sondern denen täglich mehrere Stunden für persönliche Interessen zur Verfügung haben. In meinem Fall habe ich, wenn ich zwischen fünf und sechs Uhr aufstehe, mindestens eine Stunde Zeit, um in mein Journal zu schreiben, eine Stunde um zu trainieren und drei Stunden um an meinem Roman zu arbeiten. Und das alles vor dem (spanisch-späten) Mittagessen.

Allerdings muss ich mir trotz dieses Glücks eingestehen, dass ich zu wenig Zeit für meine anderen Hobbys habe: das Lesen und den Kinobesuch. Ich schlafe Abends meistens gegen zehn Uhr neben dem Kleinen ein, stehe dann eine Stunde später nochmals auf, bin dann aber zu müde, um mich auf ein Buch konzentrieren zu können. Vielleicht gucken wir uns noch einen Film an – aber ein zuhause geschauter Film ist für mich verglichen mit einem Kinobesuch ungefähr so genießbar wie ein Calimocho (Cola mit Wein aus dem Plastikbecher) verglichen mit einem in der Rioja getrunkenen Glas Wein. (Obwohl, der Vergleich hinkt: Ich mag Calimocho manchmal genauso gern, wie ein Glas Wein.)

Heute, unterwegs zur Bibliothek um an M50 zu arbeiten, dachte ich mir: Wieso schreibe ich eigentlich? Ich könnte doch jeden Vormittag drei Stunden lang lesen. So würde ich es vielleicht auf bis zu zwei Bücher pro Woche schaffen. Hundert Bücher im Jahr. Optimistisch gerechnet auf fünftausend Bücher in der mir verbleibenden Lebenszeit.

Ich kann die Frage, weshalb ich schreibe, hier auf die Blogging-Schnelle nicht beantworten, ohne in Klischees abzudriften, aber ich bin mir bewusst, dass ich mehr für meine Lesezeit kämpfen muss. (Und wie immer, handelt es sich um einen Kampf mit mir selbst.)

Der Reading Man schreibt, er kenne mittlerweile mehr Menschen, die schreiben, als Menschen, die lesen. Mir stellen sich die Nackenhaare zu Berge, wenn ich mir vorstelle, selbst zu dieser Kategorie zu gehören. Ein nüchterner Wochenrückblick aber ergibt, dass ich in Ortheils “Der Stift und das Papier” nur ein oder zwei Kapitel vorgerückt bin.

Gefordert ist Lesedisziplin. Damit will ich nicht sagen, dass Lesen mir schwer fällt und ich mich mit der Peitsche dazu zwingen muss – im Gegenteil. Aber es fällt mir schwer, genügend Zeit dafür zu finden.

Dieses Wochenende und nächste Woche werde ich den Ortheil fertig lesen und  tief in den auf dem Büchergestell wartenden Padura vordringen!

 

 

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