11.01.2016

Montag. Ich bin um fünf Uhr aufgestanden. Zuerst dachte ich, dass sich jemand in einer anderen Wohnung bereits am duschen sei, dann aber stellt ich fest, dass es sich beim Rauschen um den starken Regen handelte, der in den Innenhof prasselte. Ich ging auf den Balkon. Unten auf dem Platz vor unserer Wohnung glänzten die Pfützen im Licht der Straßenlampen. Das Thermometer zeigte neun Grad an. Die Temperatur scheint zur Zeit im Laufe des Tages kaum zu schwanken.

Ich füllte die italienische Cafetera mit gemahlenen Kaffeebohnen, stellte sie auf die Herdplatte und die Herdplatte auf Stufe fünf, so dass es ungefähr fünfzehn Minuten dauern würde, bis Kaffeeduft die Wohnung erfüllte, und meditiere dann mit Hilfe der Headspace-App zehn Minuten lang. Ich bin auf Stufe drei des “take-ten” challenges; am Samstag und am Sonntag schlief ich jeweils bis beinahe neun Uhr, was heißt, dass ich gleichzeitig mit Paul aufstand und so keine Zeit für Headspace hatte.

Am Freitag hatte mir Rahul von seinem Meditations-Retreat erzählt. Er hatte über Neujahr zehn Tage irgendwo in England in einem Vipassana-Zentrum verbracht, in welchem die Methode eines Lehrers namens S.N. Goenka gelehrt wird. Rahul hatte sich, nachdem er von einem im Urlaub getroffenen ehemaligen Suchtkranken von dieser Art buddhistischer Meditation gehört hatte, aus Neugier für einen Kurs eingeschrieben. Dieser bestand aus den Videovorträgen des verstorbenen Gurus, Sprech- und Lehrstunden mit den anwesenden Lehrern und ansonsten aus sehr viel Schweigen und Meditieren. Rahul fand die zehn Tage “life changing”. Er meinte, es handle sich eigentlich nicht um Buddhismus, der dort gelehrt und betrieben werden, sondern man befasse sich ganz einfach mit den “Gesetzen der Natur”, welche natürlich wissenschaftlichen Sinn machten, das zweite Gesetz der Thermodynamik, usw. Er grenzte sich also von Religion ab; das sei keine Religion, sondern einfach Erkenntnis und Akzeptanz der Gesetze welche uns und das Universum leiten. In dieser Aussage schwingt natürlich ein gewisses Überlegenheitsgefühl mit: auf der einen Seite Geschichten und Dogmen, auf der anderen Seite die Erkenntnis der wahren Natur.

Es ist heute unter “modernen Menschen” welche sich trotz ihrer Aufgeklärtheit nach spirituellen Erfahrungen sehnen, oft so, dass sie etwas suchen, dass mit den “Gesetzen der Wissenschaft” in Einklang zu bringen ist. Man sagt “die Quantenphysik” bestätige dieses oder jenes und befindet sich somit nicht auf dem Pfad antiken und mittelalterlichen Aberglaubens, sondern folgt einer alten Weisheit, deren Lehren – auf mysteriöse Art und Weise – in Einklang mit der modernen Wissenschaft zu bringen seien. Gott, der Mann im Himmel mit dem weiß-wallenden Bart, hat dabei natürlich ausgedient. Gott ist, wenn überhaupt, Energie und Naturgesetz. Spiritualität und “Wissenschaft” werden eins …

Das Wochenende habe ich wie immer mit Carol und Paul verbracht. Am Samstag war es Carol etwas unwohl, weshalb ich, abgesehen von einem Spaziergang mit Paul zu einem neuen Gym, wo ich mich diese Woche einschreiben werde, den größten Teil des Tages zuhause verbracht hatte. Ich begann Ortheils “Der Stift und das Papier zu lesen” (siehe mein glorreiches Wochengedicht von vorgestern). Am Abend, als Paul schlief, guckten wir uns auf iTunes einen der Filme an, die es vom letzten Jahr nachzuholen galt: “Inside Out“, ein animierter Film für Kinder und Erwachsene. Es ging um eine Story aus dem Inneren des Kopf eines kleinen Mädchens, in welchem ihre verschiedenen Emotionen und Gefühle als Figuren dargestellt wurden: Joy, Sadness, Anger, usw. Ich weiß, dass Kermode eine Schwäche für solche Filme hat, weshalb er ihn aber zum besten Film des Jahres krönte, ist mir rätselhaft.

Am Sonntag waren wir auf dem Rastro, dem großen, viele Straßenzüge einnehmenden Flohmarkt. In der alten Bar Diamante  tranken wir Kaffee und aßen Tortilla und Churros. Danach spazierten wir an den Marktständen vorbei durch den Regen, welcher manchmal etwas zu stark fiel, dafür aber die normalerweise verstopften Straßen freispülte. Ich mag diese von der Latina steil nach Lavapies abfallenden Straßen. Ich mag die Cafés und Bars, welche sich an jedem Sonntag mit Flohmarktbesuchern füllen, welche die Gelegenheit nutzen, schon vor dem Mittag ein paar (oder viele) Gläser zu trinken und Tapas zu essen. Gegen zwei Uhr flüchteten wir uns schließlich vor dem immer stärker fallenden Regen in ein veganes Restaurant, welches wir auf Happy Cow gefunden hatten. Schließlich besuchten wir unsere Freunde Abel, Katia, Ian und Baby Daia im Norden Madrids. Paul weinte auf dem Nachhauseweg in der Metro manchmal, weil er einen “Töff” (Motorrad) wie der von Ian wollte. Zuhause schlief er, nach einem Teller Reis mit Tunfisch, sofort ein.

Eigentlich wollte ich jetzt, bevor Paul aufsteht, laufen gehen. Mein erster Lauf des Jahres; in weniger als drei Monaten trete ich zu meinem Halbmarathon-Debut an. Regen ist normalerweise keine Ausrede – ich mag es im Regen zu laufen – aber heute fällt er definitiv zu stark …

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s