08.01.2016

Heute, an einem Freitag (und merkwürdigerweise nicht gestern, am Tag nach Reyes), kehrt Paul in den Chindsgi (Kita) zurück. Er freut sich riesig. Kurz vor neun Uhr fahre ich los, mit dem Ziel, um halb zehn in der Bibliothek zu sitzen und an meinem Roman “Metropolis M50” weiterzuarbeiten, aber ich finde die Tür verschlossen vor. Nicht die der Escuelita sondern die der Bibliothek. Sie lädt erst am Montag wieder zur stillen Arbeit ein. Anstatt unter Examen-vorbereitenden Studentinnen und Zeitung-lesenden Senioren, sitze ich nun in einem jazzig-lauten Starbucks vor einem Tall Latte mit Kokosnussmilch. An M50 ist hier nicht zu denken. Unterwegs habe ich mir deshalb den País gekauft, welchem heute der Kulturführer Guía del Ocio beiliegt. Ich nutze die Gelegenheit, um den vor mir liegenden Kinomonat zu planen, auf dass 2016 ein besseres Kinojahr werde, als das vergangene, in dem ich nur zwanzig Mal im Tempel saß (zuhause schaue ich mir selten Filme an).

Das folgende habe ich verpasst:

  1. The Tale of the Princess Kaguya (einer von drei animierten Filmen auf Kermodes Liste)
  1. The Ecstasy of Wilko Johnson (“Julian Temple is one of the best music film makers … a film that is genuinely transcendent”)
  1. Sunset Song (“Terrence Davies, one of the UK’s greatest auteurs”)
  1. Brooklyn (Drehbuch von Nick Hornby)
  1. The Song of the Sea (der zweite animierte Film auf der Liste … “I really think we go through a golden age of animation”)
  1. The Falling (“a film, which isn’t afraid to be ambiguous”)
  1. Carol (die Adaption eines Patrica Highsmith Romans; sieht aus, als müsste ich mehr von ihr lesen)
  1. Girlhood (der erste nicht englischsprachige Film … “a fantastic Parisian tale of girls in the hood”)
  1. A Girl Walks Home Alone at Night (ein US-Iranischer Horrorwestern)
  1. Inside Out (a Pixar movie … “I’ve seen it more times than is healthy”)

Ich habe dieses Jahr also keinen einzigen von Kermodes Lieblingsfilmen gesehen. Ich glaube, dass so etwas, seit ich ihn kenne, noch nie vorgekommen ist.

Aber natürlich habe ich noch viel mehr verpasst. Eine schnelle Googlesuche legt das gesamte Ausmaß des Desasters offen. Von den Filmen, die auf den meisten best-of-2015 Listen auftauchen, habe ich nur Whiplash und Birdman gesehen. Verpasst habe ich:

  • Selma
  • Inherent Vice (Paul Thomas Anderson)
  • Foxcatcher
  • A Piegon Sat on a Bank Reflecting on Existence (Roy Andersson)
  • Mad Max Fury Road
  • Listen Up Philip (will ich unbedingt noch sehen)
  • Hard to Be a God (muss ich ebenfalls sehen)
  • James Bond Spectre
  • Tangerine (“shot entirely on an iPhone”)
  • Room (der dritte, der verpassten Filme, den ich noch sehen will)
  • ’71
  • Anomalisa

Ich könnte die Liste noch weiterführen, aber sie ist bereits länger, als wir in einem Jahr Heimkino bewältigen können. Für Fernsehserien haben wir überhaupt keine Zeit und das obwohl seit einigen Jahren vor allem in den USA und in Großbritannien soviel Sehenswertes produziert wird, dass ich ganz auf Bücher und Kino verzichten müsste um in Sachen TV-Shows auf dem Laufenden zu bleiben.

Obwohl mir, wie an dieser Stelle klar geworden sein sollte, jegliche Kompetenz fehlt, um über das vergangene Kinojahr zu schreiben, folgt hier doch noch mein Senf (sprich meine Top-Five-Liste):

  1. Winter Sleep (Kino Golem, Madrid)
  2. Heimat (Kino Renoir, Madrid)

Ein türkischer und ein deutscher Film. Beide Geschichten entfalten sich langsam in einer eisigen Winterlandschaft. Beide sind über drei Stunden lang und hätten für mich noch viel länger dauern können.Winter Sleep ist ein wenig vergleichbar mit Rolf Lapperts Über den Winter“.

3. Los Exilados Románticos (Kino Renoir, Madrid)

Ein ganz kleiner spanischer Film. Der Regisseur, Jonas Trueba, Spross eines spanischen Filmemacher-Clans (Vater Fernando hat einen Oscar über dem Kamin stehen), tat, was viele junge Filmemacher schon vor ihm versucht haben: Er unternahm mit ein paar Schauspieler-Freunden, einer Kamera und vermutlich einem eher losen Drehbuch einen Roadtrip (in diesem Falle nach Paris) und drehte unterwegs einen Film. Die ersten paar Minuten lang, den spanischen Hipster-Klischee-Dialog über mich ergehen lassend, dachte ich “oh Gott”, aber dann begann mir der Film immer mehr zu gefallen und wurde schließlich sogar zu einem der wenigen Kinohighlights des Jahres. Als die Lichter angingen, hörte ich hinter mir ein geseufztes “que flojo” (“so was von lahm”) und ich verstand den Kommentar. Los Exilados Románticos vermittelt ein Lebensgefühl, für das man empfänglich sein muss. Ich war es, da der Film mich ganz wage an lang vergessene Stimmungen aus meiner eigenen Jugend erinnerte.

4. Relatos Salvajes (Kino Renoir, Madrid)

Eigentlich eine Ansammlung von vier oder fünf argentinischen Kurzfilmen. Die Episoden “El bombitas” und “La novia” gehören zum amüsantesten, was ich seit Langem im Kino gesehen habe.

5. Ex Machina (Kino Yelmo Icaria, Barcelona)

Ein Science-Fiction-Film, der sich auf spannende und intelligente Weise mit dem Thema AI (künstliche Intelligenz) auseinandersetzt.

Und zum Abschluss noch eine Arbeitsliste. Filme, die zur Zeit in Madrid im Kino laufen, die ich sehen muss oder zumindest gerne sehen würde:

  • Bridge of Spies (Spielberg, also ein Muss)
  • Steve Jobs (Sorkin und Boyle, natürlich ebenfalls ein Muss)
  • Sweat Red Bean Paste (kein Muss, aber die Nummer drei)
  • Taxi Tehran
  • 45 Years (war auf einigen 2015 Bestenlisten)
  • Macbeth (war ebenfalls auf den 2015er-Listen zu finden)
  • Star Wars
  • The Walk
  • La Novia

Wenn ich könnte, würde ich dieses Jahr pro Woche ein Buch lesen und einmal ins Kino gehen. Ich kann nicht, aber ich werde mein Bestes geben um doch ein wenig zu können.

One thought on “08.01.2016”

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s