Schreiben über das Lesen

Ich habe ein Goodreads-Account, welches ich vor ungefähr zwei Jahren eröffnet hatte und seither brach liegen ließ, in Betrieb genommen und möchte auf diese Weise Protokoll über mein Lesen führen. Wie aber soll man über Bücher schreiben? Ich bin gerade dabei, Rolf Lapperts neustes Buch “Über den Winter” fertig zu lesen und habe ein paar Rezensionen des Buches überflogen, mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Ich mag Literaturkritik, welche das Buch als Sparringpartner betrachtet. Beim Sparring ringt man immer mit sich selbst, nie mit dem Gegner.

Ich lese sehr wenige Kritiken und wenn, dann meistens von Filmen und fast nie von Büchern. Wenn ich eine Kritik lese (oder mir anhöre), ist es mir wichtig, dass ich zur Kritikerin eine persönliche Beziehung habe (wenn auch eine einseitige). Das Daumen-hoch oder Daumen-runter einer unbekannten Person zu einem unbekannten Objekt (Buch, Film, usw.) interessiert mich wenig. Zwar kann die Kritik amüsant sein, wenn gut geschrieben, oder nervig, wenn sie als Selbstdarstellung einer für mich uninteressanten Person daherkommt, aber sie sagt in der Regel nicht viel darüber aus, wie der Konsum ihres Subjekts auf mich wirken könnte.

Ein positives Beispiel ist für mich ist der englische Filmkritiker Mark Kermode, den ich vor allem über seinen Podcast mit Simon Mayo kenne (er schreibt aber auch für den Guardian). Kermode ist für mich wie ein Freund, allerdings einer, der von meiner Existenz nichts weiß. Kermode fällt oft harsche Urteile (er ist sogar berüchtigt für seine Verrisse (the Kermode rants))es kann aber durchaus vorkommen, dass er einen Film zerreißt und ich ihn trotzdem sehen will, oder umgekehrt. Ich weiß eben, was Kermode mag und nicht mag, kenne seine Stärken und Schwächen. In der Welt der Bücher, habe ich keine Kermode, da lasse ich mich lieber von meinen eigenen Instinkten leisten. Allerdings bin ich gerade auf diesen reading man gestoßen, mit dem ich es einmal probieren werde.

Ich selbst werde dieses Jahr über alle Bücher, die ich fertig lese, eine kurze Rezension auf Goodreads schreiben. Die Sterne, die man dort vergeben muss, sagen zwar nicht viel über die Qualität eines Buches aus, aber sie helfen zumindest mit der Kategorisierung: Fünf Sterne = hat mich begeistert (selten); vier Sterne = hat mir sehr gut gefallen (vermutlich der größere Teil der Bücher, die ich fertig lese); drei Sterne = war interessant genug um fertig zu lesen, hat mich aber nicht sehr bewegt oder zum Denken angeregt. Bücher denen ich zwei Sterne geben würde, lese ich normalerweise nicht fertig, weshalb ich auch nichts über sie schreibe. Kritiken die einem Buch einen Stern geben, sind zu 99% Kritiken, die selbst auch nur einen Stern verdienen.)

Rolf Lappert: “Über den Winter”

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen. Es geht um Salm, einen 49-jährigen Künstler (dessen “moderne Kunst”, würde sie wirklich existieren, ich nicht ausstehen könnte), der zur Beerdigung seiner Schwester  aus New York in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehrt und dort während eines außergewöhnlich kalten Winters langsam, Schritt für Schritt, sein Leben als Künstler hinter sich lässt, ohne einen Zukunftsplan zu haben.

Ich finde, dass dieses Buch hervorragend geschrieben ist. Dank der detailbesessenen Sprache, glaube ich, Salm wirklich kennenzulernen. Ich fühle mich, als hätte ich selbst ein paar Tage im bescheidenen, vereisten Hamburger Quartier verbracht, in dem die Geschichte größtenteils spielt.

Ich mag dieses Buch, weil es über Menschen schreibt und Themen behandelt, die mich persönlich sehr interessieren:

  1. Ich liebe Geschichten über einsame Männer (dieses Buch hat nicht viel mit einem Murakami-Roman zu tun, außer vielleicht, dass Salm ähnlich einsam, introvertiert und weltentfremdet ist, wie ein Murakami-Protagonist)
  2. Ich liebe Geschichten über die Arbeit und vor allem über Menschen, welche in einem ungewöhnlichen Beruf ihr Auskommen suchen. Normalerweise mag ich Bücher oder Filme, in denen der Held besessen seiner Arbeit nachgeht und versucht, eine Karriere auf die Beine zu kriegen; hier allerdings geschieht das Gegenteil: Schritt für Schritt demontiert Salm seinen alten Beruf
  3. Ich liebe Geschichten über Menschen, die an einen Wendepunkt in ihrem Leben gelangen und herauszufinden müssen, welchen Weg sie nun einschlagen sollen. In Büchern die mir gefallen, tritt der Held dieser Herausforderung oft mit existentialistischem Kampfgeist gegenüber, während Salm sich hier einfach treiben lässt, während sein altes Leben von einer Flut, die er weder versteht noch zu analysieren die Mühe macht, weggeschwemmt wird

Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch gewissen Lesern zu langsam oder langweilig ist. Es geschieht im Grunde nicht sehr viel. Der Antiheld verhält sich so lethargisch, wie ich es eigentlich nicht ausstehen kann (weder in Geschichten noch im Leben). Trotzdem aber fand ich das Buch und vor allem die stets über Salm schwebende Frage, was von ihm und seinem Leben übrig bleibt, wenn der Auflösungsprozess vollzogen ist, oder ob aus der Asche sogar neues Leben entstehe kann   – sehr spannend. Ich war fast traurig, als die Lektüre zu Ende war; würde Lappert (was er natürlich nicht tun wird), einen Fortsetzungsroman schreiben, der den Faden dort aufnähme, wo dieses Buch aufhört, würde ich ihn ohne zu zögern kaufen.

(Ich habe “Über den Winter” lieber gelesen als “Nach Hause schwimmen” und “Auf den Inseln des letzten Lichts”. Die älteren Bücher von Lappert kenne ich nicht.)

[Diese Kritik habe ich auch auf Goodreads veröffentlicht.]

One thought on “Schreiben über das Lesen

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