Gedanken und Beobachtungen am Dreikönigstag

Reyes ist in Spanien der Tag der Geschenke. Zwar beginnt Papa Noel auch Spanien zu erobern (zusammen mit Halloween und seit zwei oder drei Jahren auch Black Friday – als weltkapitalistischer Stoßtrupp sozusagen) aber in den meisten Familien findet die Bescherung noch am Morgen des Dreikönigstags statt.

Die Stadt Madrid hat seit einem knappen Jahr eine linke Regierung. Eigentlich eine linksextreme Regierung, aber das Wort “extrem” hört sich etwas zu extrem an; es tönt nach Kampf und Zerstörung, wenn doch in Tat und Wahrheit die neue Bürgermeisterin von Madrid eine nette ältere Dame ist, dem Anschein nach eine sehr intelligente Frau (sie ist ehemalige Richterin) die ihr Amt mit den besten Vorsätzen angetreten hat. Ihr geht es vor allem um eine gerechtere Stadtpolitik, welche den tausenden von Menschen und Familien, die während der seit fast zehn Jahren andauernden spanischen Wirtschaftskrise in Not geraten sind, helfen will. Trotzdem muss man ihre Partei wohl als “linksextrem” bezeichnen – oder auch einfach nur als “links” im klassischen Sinn. Ihre Partei heißt “Ahora” und ist eine Filiale der neuen nationalen Linkspartei “Podemos”, welche klugerweise die in kürzester Zeit im ganzen Land entstehenden Lokalparteien nicht gleich in ihre Strukturen eingebunden, sondern sich erst einmal lose in einer Art Filialensystem mit ihnen verbunden hatte. Auch Barcelona wird von einer Bürgermeistern, welcher einer solchen Filiale angehört, regiert. Die beiden Damen – die jüngere in Barcelona und die ältere in Madrid – planen für dieses Jahr sogar einen temporären Städtetausch.

Die nationale Partei Podemos wird geführt von Pablo Iglesias einem “neuen Linken” im Stile von Slavoj Zizek. Pablo Iglesias will den Kapitalismus abschaffen. Er ist “anti-sistema”,  wie man in Spanien sagt. Er spricht sowohl die Sprache des unzufriedenen Volkes, als auch die Spezialsprache der Linken (welche mich an die Spezialsprache von Theologen erinnert. Beide Jargons haben gemein, dass sie ihr Weltbild als tatsächliche Beschreibung der Zustände in der Welt oder, im Falle der Theologie sogar im Universum, betrachten und ihr Sprechen darauf aufbaut. Man akzeptiert also z.B. Geschichte als Klassenkampf oder das Alte Testament als von Gott beeinflusste Geschichte als Tatsache und argumentiert auf dem Boden derselben. Dieses Interview gibt eine gute Übersicht über das Denken von Pablo Iglesias. Das Gespräch findet in der erwähnten Spezialsprache statt.)

Gestern fand in Madrid die traditionelle Cabalgata (de Reyes Magos), der Dreikönigsumzug, statt. Dieses Jahr aber, unter der Leitung von Bürgermeisterin Carmen Manuela, war alles ein wenig anders. Letztes Jahr noch hatte Madrid eine Bürgermeistern, welcher dem ranzig-konservativen Partido Popular angehört. Als Angetraute des ehemaligen Präsidenten Aznar gehört Ana Botella (Ana Flasche) zum innersten Zirkel der alten Kaste. So wurde der schwarze König Balthasar letztes Jahr noch wie eh und je von einem schwarz angemalten Spanier dargestellt (und das obwohl in Madrid vor jedem Supermarkt ein Afrikaner steht und die Konsumenten freundlich begrüßt und verabschiedet – shout out to Yusuf). Dieses Jahr aber soll die Cabalgata mehr einem multikulturellem Karnevalsumzug geglichen haben. Die Bürgermeisterin verzichtete auch auf die Teilnahme von Tieren am Umzug – üblicherweise ziehen Kamele und, wenn ich mich nicht irre, sogar Elefanten durch die Straßen Madrids. Dies Abwendung von der Tradition hat in Spanien eine große Diskussion ausgelöst. Die Bürgermeistern tweetete, dass sie die Tradition am Leben erhalten, indem sie sie der modernen Realität anpasse (Tierrechte, eine multikulturelle Stadt, eine immer weniger religiöse (oder nur noch folkloristische-religiöse) Bevölkerung. Kritiker haben sich sehr an dem neuen Konzept gestört und warfen der Bürgermeisterin vor, der Bevölkerung ihr Weltbild aufzuzwingen.

In diesem in neuen und alten Medien geführtem Streit, kommen viele tief in die spanische Geschichte zurückreichende Rivalitäten zum Ausdruck: Kirche gegen Säkularismus, Tierrechte gegen Tradition, Traditionen gegen Moderne, sogar Monarchie gegen Republik. Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Weltbildern, Lebensformen und politischen Systemen gibt es überall, aber in Spanien gehören sie zur DNA des Landes.

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Zwei Bahnhöfe in Deutschland.

Der HB München vor wenigen Monaten. Die ersten Flüchtlingszüge aus Österreich und Ungarn kommen an. Menschen klatschen. Deutschland zeigt Herz.

Der HB Köln vor einer Woche. Tausend junge Männer rotten sich am Bahnhof zum Saubannerzug zusammen. Männer grapschen. Deutschland zeigt sich schockiert.

Die Achse des Guten tobt. Andere finden man dürfe dann doch nicht so sein, es werde ja auch am Oktoberfest gegrapscht.

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Zwei Apps die ich ausprobiere: Headspace und Way of Life. Headspace ist eine Meditations-App und Way of Life hilft einem, Vorsätze (z.B. täglich meditieren) zu tracken. HT Tim Ferriss und Kevin Rose.

 

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