La Boum – die Fete

Ich träumte von La Boumdie Fete.

Es gab damals im deutschen und im österreichischen Fernsehen Spielfilmserien, die oft am Nachmittag gezeigt wurde. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Serie von Spielfilmen über den griechischen Superhelden Herkules (ich glaube, es war eine italienische Produktion), welche ich mir im unteren Stübli bei Heinz zuhause anguckte. (Wann? am freien Mittwochnachmittag?)

Und ich erinnere mich natürlich an La Boum. Aldo hatte uns an der Schule davon erzählt. Er sprach vom Film unter vorgehaltener Hand, wie von etwas Verbotenem, von dem er nur seinen besten Freunden berichten wollte, das ansonsten aber geheim bleiben musste. In meiner Erinnerung war La Boum eine aus vielen Filmen bestehende Serie, aber Google teilt mir mit, dass es nur La Boum – Eltern unerwünscht und La Boum – die Fete geht weiter gibt. Die Protagonistin war Sophie Marceau. Sie ging auf Parties, rauchte, hatte Freunde. Ich liebte diese Filme. In mein Schulheft hatte ich einmal eine ganz Seite mit I Vic (Sophie Morceau spielte Vic) vollgekritzelt.

In meinem Traum, aus dem ich vor ein paar Minuten erwachte, saß ich mit ein paar Geschäftspartnern in einem Raum. Sie alle hatten ein Buch vor sich liegen und drei von den vier Büchern, die da lagen, kannte ich. Ich wollte erwähnen, dass ich die Bücher gelesen hatte, aber wir sprachen nur von Geschäften. Irgendwann bemerkte ich, dass Reality von Richard Sanderson, die Titelmusik von La Boum, im Hintergrund lief.

Dann erwachte ich. Ich lag noch ein paar Minuten lang im Bett und dachte an jene Nachmittage, als ich alleine in der Stube saß und mit Faszination sah, welche Abenteuer in einigen Jahren auf mich warten würden.

The Big Short: Den sie wissen nicht, was sie tun

Ich bin im Glauben aufgewachsen, das sie wissen, was sie tun.

In der Schweiz. Im Kern des inneren Zirkels. Im reichsten Land der Welt.

Bereits meine nach dem zweiten Weltkrieg geborenen Eltern wuchsen in einer blühenden Welt auf. In jener magischen Region zwischen Bodensee und Genfersee, die von den großen Kriegen verschont geblieben ist.

Als Kind wurde ich mit keinem einzigen größeren Problem konfrontiert, weder in meiner Familie, noch in der Gesellschaft. Es gab kleine, persönliche Sorgen, und Nachrichten wie das in den achtziger Jahren in omnipräsente “Waldsterben” beschäftigten mich, aber im Großen und Ganzen hatte ich immer den Eindruck, dass die Politiker, die Geschäftsleute, die Lehrer, das Kollektiv der Entscheidungsträger wüssten, was sie tun.

Natürlich kriegte ich mit, dass die Welt nicht überall blühte. Schon auf der anderen Seite der Alpen, in Italien, musste man in den Ferien aufpassen, dass einem nichts gestohlen wurde. Hinter dem Eisernen Vorhang lebten die Menschen gar in Ketten. Und in Indien hungerten die Kinder (bis zu Live Aid 1985 war es immer Indien). Aber das lag der allgemeinen Ansicht nach mehr an böswilligen Menschen (den Mitgliedern des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei zum Beispiel) oder daran, dass man in gewissen Teilen der Welt einfach noch nicht gelernt hatte, wie man alles richtig organisiert. Irgendwann würde man überall lernen, zu leben, wie bei uns.

Kurz gesagt, vertraute ich auf das System. Wie hätte ich auch nicht darauf vertrauen können. Aus der Sicht des mitten in einem funktionierenden System drinsteckenden, vor allem der eines Kindes, ist das die logische Schlussfolgerung.

Dieser Glauben, dass sie wissen, was sie tun, ist ihn meinem Gehirn auch heute noch festverdrahtet. Natürlich bin ich mir unterdessen bewusst, dass sie nicht wissen, was sie tun, aber ich muss mich immer wieder daran erinnern, sonst drohe ich den Reset-Modus zurückzufallen und den Experten zu vertrauen.

Vor ein paar Tagen sah ich The Big Short, ein Film über den Beginn der Wirtschaftskrise in den USA und den Zusammenbruch vieler Banken unter der Last von verrückten Hypothekenfonds. Nur ein paar wenige hatten den Zusammenbruch kommen sehen. Die Experten tappten im Dunkeln.

The Big Short ist ein Film, wie ich ihn vorher noch nie gesehen hatte. Die Figuren durchbrechen immer wieder mal die Vierte Wand, oder es tritt plötzlich jemand aus der realen Welt auf, der uns schnell etwas erklärt, das zu dramatisieren zu kompliziert gewesen wäre.

Er nimmt einem bei der Hand und rüttelt einem wach: Hey, bild dir besser selbst eine Meinung! Sie wissen nicht, was sie tun! Stabilität ist eine Illusion!

 

Zu Ende lesen oder tschüss und hallo nächstes Buch?

Ich habe mir gestern die Frage gestellt, ob es sich lohnt, ein Buch, das mir eigentlich gefällt, aber trotzdem ein wenig zu langweilen beginnt, fertig zu lesen, oder ob ich mit dem nächsten Buch, das bestimmt bereits bereit liegt, beginnen soll.

Ich bin zur Zeit gerade in dieser Situation: Ich habe Leonardo Paduras “Die Palme und der Stern” zur Hälfte gelesen und Pasajes hat mir gerade eine Email geschrieben, dass “Bekenntnisse eines Bürgers” von Sándor Márai – highly recommended by the Misses – zum Abholen bereit liegt.

Dazu drei Anmerkungen:

Ersten: Ich habe bemerkt, dass es vorgekommen ist, dass ich ein eigentlich gutes Buch unfairerweise nicht fertig gelesen habe, weil ein neues Buch zu verlockend war. Das geschieht immer mit dem Vorsatz, das vorerst zur Seite gelegte Buch, bald wieder zur Hand zu nehmen oder parallel zu lesen, was oft auch gelingt, aber nicht immer. Es kann passieren, dass das einmal zur Seite gelegte Buch im Strudel der Bücher verloren geht.

Zweitens: Es ist aber auch vorgekommen, dass ich mich gezwungen habe ein Buch fertig zu lesen, und so einen Monat verschwendet habe, da das Buch, obwohl ich es als lesenswürdig empfand, mich nicht begeisterte und ich nur sehr langsam vorwärts kam (da ich oft zu Zeiten lese, wenn das Buch gegen den Schlaf ankämpft).

Drittens: Es gibt Bücher, die ich eigentlich zur Seite legen wollte, dann aber doch weiterlas und ich so zu einem großartigen Leseerlebnis kam. (Ein Beispiel dafür ist Ulrich Peltzers “Ein Teil der Lösung“.)

Um mir selbst in dieser ewigen Frage ein wenig mehr Führung zu geben, habe ich gestern deshalb zwei Regeln aufgestellt, an die ich mich von nun an zu halten gedenke:

  1. Ich lege ein Buch frühestens nach einem Drittel des Textes, nie aber vor Seite hundert zur Seite.
  2. Dieser Drittel des Texts, oder die hundert Seiten, müssen in höchstens fünf Tagen gelesen worden sein. Dabei dürfen an keinem Tag weniger als zwanzig Seiten gelesen worden sein, sonst beginnt der Page Count wieder von vorne.

Die erste Regel ist selbsterklärend. Vor einem Kauf und Leseentschluss, schaue ich mir ein Buch genau an, was heißt, dass ich einen guten Grund hatte, zu glauben, das Buch sei gewinnbringend zu lesen. Diese Regel fordert also einen gewissen Respekt für mich selbst (meinen Buchauswahlprozess) und natürlich für das Buch selbst.

Mit der zweiten Regel möchte ich sicherstellen, dass ich genügend Zeit habe, in das Buch einzutauchen, ohne dabei den Faden zu verlieren. Dieses Verlieren des Fadens, oder die Tatsache, dass man durch unregelmäßiges Leben an der Oberfläche des Buches bleibt und nicht in dessen Welt eintaucht, sind oft ein Grund für mich, ein eigentlich lohnendes Buch zu früh zur Seite zu legen.

So, das wär’s. Halte ich mich an beide diese Regeln, sehe ich keinen Grund warum ich ein Buch nicht zur Seite legen sollte. Das Leben ist kurz.

Da ich gestern nicht zum Lesen kam, waren jetzt also mindestens hundert Seiten Padura auf mich, bevor ich mich Márai zuwende.

David Foster Wallace und Steve Jobs: Auflösung in der Schöpfung

Am Sonntag sah ich zwei Filme:

The End of the Tour: Ein Spielfilm über ein mehrtägiges Gespräch des Rolling-Stone-Journalisten David Lipsky mit dem amerikanischen Literaturgenie David Foster Wallace, und Steve Jobs, über den 2011 verstorbenen Apple-Gründer, ebenfalls amerikanisch und ebenfalls Genie, aber in seinem Fall ein Marketinggenie … obwohl ihm dieser Ausdruck nicht gerecht wird: Marketing war ein Instrument, Jobs dirigierte das ganze Orchester … ein Vergleich den Steve Jobs selbst brauchte, oder der ihm von Drehbuchautor Aaron Sorkin (noch so ein Genie …) in den Mund gelegt wurde.

Keiner der beiden Filme hat mich vom Sessel gehauen, aber ich habe beide gern gesehen. Steve Jobs entführte mich nicht in psychadelische Sphären (wie gewisse frühere Werke derselben Macher), aber die zwei Stunden war doch im Nu vorbei. The End of the Tour empfehle ich nur einem Publikum, dass sich für den kreativen Schaffensprozess interessiert. Ich habe beide Filme direkt hintereinander gesehen, was mehr mit den Spielzeiten als mit bewusster Planung zu tun hatte, aber ungeachtet dieses Zufalls verschmolzen beide Filme zu einer gelungenen Doppelvorstellung.

Ein Doppelvorstellung darüber wie die Schöpfung eines großen Werkes den Schöpfer formt. Oder frisst.

Vorhang 1: David Foster Wallace’s tausend-Seiten-Roman Infinite Jest (Unendlicher Spaß) ist ein totales postmodernes Eintauchen in die Gesellschaft und die Alltagskultur Nordamerikas. Ein gewaltiges Werk, dass nur möglich war, indem der Autor sich von den dystopischen Aspekten Amerikas infizieren ließ. Er beschrieb die Krankheit von innen, aus der Sicht des Kranken. Zwölf Jahre nach Erscheinen des Buches, beging David Foster Wallace Selbstmord.

Vorhang 2: Steve Jobs. Ich tippe diese Worte auf seiner Schöpfung, mit der es dem Schöpfer nicht um die Verarbeitung der Welt, sondern um die Veränderung derselben ging. Wenn David Foster Wallace seine geistige und körperliche Gesundheit opferte, indem er sich von der Banalität von Allem infizieren ließ, opferte Jobs den Menschen Steve, den der Mensch war ein Nichts und alle seine Beziehungen waren nur soviel Wert, wie sie der Schöpfung dienten. Seine Tochter stand Jobs im Weg: “Ich bin nicht dein Vater”, herrschte er sie an. Der andere Steve (Wozinak, das technische Genie hinter Apple) stand Jobs im Weg: die Beziehung zerbrach. Steve war es egal, den es gab keinen Steve mehr, sondern nur noch Apple. iMac. I’m Mac. I, Steve Jobs, am Mac.

Es gibt verschiedene Arten mit der Welt umzugehen, sie zu verarbeiten und aus ihr hinaus etwas zu schaffen. Jeder Künstler (Schöpfer) muss wohl durch das Tal der Schatten des Todes gehen, einige aber marschieren als warrior – als Krieger – und andere lassen sich von den Dämonen, denen sie begegnen, zerstören. Sie sehen ihre eigene Zerstörung vielleicht sogar als notwendigen Akt des Schaffens an. David Foster Wallace und Steve Jobs gehörten zur zweiten Kategorie. Sie lösten sich in ihrer Schöpfung auf.

(Selbstverständlich bezieht sich diese kurze Analyse weder auf Herrn Wallace noch auf Herrn Jobs, sondern auf die besprochenen Filme. Ein biographischer Film schafft seine eigene Wirklichkeit, welche natürlich nicht mit der Wirklichkeit seiner Quelle übereinstimmen muss. David Foster Wallace selbst, hat große Angst davor, zum Subjekt einer solchen neuen Wirklichkeit zu werden, z.B. der eines Zeitungsartikels, oder eben derjenigen dieses Films, oder meta-meta, derjenigen eines Blogeintrags über einen Film über ein Interview.)

Entdeckt werden

In den Nullerjahren führten auf Youtube nervige Teenager das Zepter. Kein sich selbst respektierender Jungfilmer hätte sich dazu herabgelassen, sein Werk über diesen Kanal zu verbreiten. Man wollte an Filmfestivals „entdeckt werden“.

Aber schon damals gab es ein paar Verrückte, welche sich von der Nachbarschaft mit albernen Katzenvideos nicht abschrecken ließen. Sie sahen Youtube als Teil der digitalen Revolution, welche sowohl die Produktionsmittel als auch die Distribution jedermann zugänglich machte.

Einer dieser Verrückten war Casey Neistat. Er wollte nicht entdeckt werden, er wollte sich ausdrücken.

Casey ist unterdessen erfolgreicher Filmemacher und Unternehmer. Er veröffentlicht immer noch auf Youtube – seit fast einem Jahr täglich, und dies obwohl er nebenbei ein erfolgreiches Internetunterehmen betreibt. Dies ist sein Video vom 23. Januar 2016, als ein Wintersturm über die Ostküste der USA zog.

(Ebenfalls hörenswert ist Caseys Podcast mit Tim Ferriss.)