Bloggen

Natürlich musste das passieren. Ich beginne zu bloggen (an jedem Wochentag ein Post ist der Vorsatz) und schon am Morgen nach dem ersten Eintrag fühle ich ich beim privaten Notieren, als gucke mir jemand über die Schulter. Schon seit längerer Zeit schreibe ich jeden Tag (meistens am Morgen) in mein Journal. Wann genau ich damit begonnen habe, weiß ich nicht mehr, es ist aber mehr als zwanzig Jahre her, wie ich einem Tagebuch entnehme, dass ich während diesen Festtagen im Hause meiner Kindheit und Jugend gefunden habe. Der erste Eintrag in jenem Schulheft beginnt folgendermaßen:

05/10/1994

Ich sitze in einem teuren Café in Paris, so teuer, dass ich einen Kaffee bestellt habe, weil es das Billigste ist. Man hat einen wunderbaren Blick auf den ins Morgenlicht getauchten Gare du Nord. Ein schöner, alter Bahnhof, groß und mächtig, in einem typischen Pariser Viertel, eher ruhig und verkehrsarm (im Vergleich). […]

Schon vor einundzwanzig Jahren also schrieb ich am Morgen und trank dazu Kaffee – meinen allerersten Kaffee überhaupt, wie ich weiß, obwohl es aus dem Eintrag nicht ersichtlich ist.

Heute ist mein Tagesablauf so, dass ich sehr früh aufstehe, etwa um fünf Uhr, um eine Stunde lang oder länger Notizen über den Ablauf des vergangenen Tages und meine Gedanken und das Zeitgeschehen usw. zu machen, bevor ich entweder in in den Park gehe um eine Runde um den See zu drehen, oder der Avenida entlang zum Gym hochlaufe, um Gewichte zu stemmen. Erst danach beginnt mein eigentlicher Tag, üblicherweise damit, dass ich meinen Zweijährigen in den Kindergarten fahre. Über die Weihnachtstage läuft das Ganze natürlich etwas anders ab (heute stand ich ausnahmsweise erst kurz vor sieben Uhr auf), aber auch hier notiere ich jeden Morgen und trinke dazu Kaffee. (Nach meinem ersten Kaffee 1994 in Paris, ging es noch lange, bis ich Kaffee wirklich zu mögen begann. Ich erinnere mich, dass mir jener Kaffee beim Gare du Nord zwar als etwas Fremdes vorkam, er aber doch ein angenehme Wirkung auf mich hatte. Erst vier Jahre später aber, im Herbst 1998, als ich gegen Ende meines Studiums noch ein Semester in Paris verbrachte, wurde der morgendliche Kaffee, den ich, zufrieden mit meinem temporären Dasein als Pariser, mit einem über den Tresen gerufenen “un express!” bestellte, zur Gewohnheit.)

Während ich also meinen ersten Kaffee trinke, merke ich, dass ich in mein Journal notiere, als würde es jemand lesen, nicht wie bisher als hemmungslos hingeworfene Gedanken in einem passwortgeschützten Dokument. Dabei sind das Notieren und das Bloggen zwei unterschiedliche Aktivitäten. Am Morgen notiere ich ohne Scheuklappen und erst nach abgeschlossener Tagesarbeit widme ich mich meinem Blog, für welchen mein privates Journal die Basis ist, welche ich aber nochmals einer gründlichen Überarbeitung unterziehe. (Zumindest stelle ich mir das so vor; Erfahrung habe ich damit noch nicht – schließlich ist dies erst mein zweiter Blog-Eintrag.)

Weshalb aber notiere ich, und weshalb blogge ich?

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich 1998 in Paris in meinem kalten Dachzimmer saß und wieder einmal mit einem Tagebuch begann und zwar mit dem Vorsatz, mich zu verbessern und intellektuell voranzukommen und das Tagebuch als Mittel zu diesem Zweck zu verwenden. Heute sehe ich das Tagebuchschreiben weniger idealistisch. Es ist für mich einfach eine notwendige Verarbeitung der Welt und des Lebens. Weshalb ich siebzehn Jahre später, vor ein paar Wochen also, beschloss mit dem Bloggen zu beginnen, ist mir nicht ganz klar. Der Auslöser mag gewesen sein, dass ich einen Roman geschrieben habe (meinen ersten, nach einer Reihe von Drehbüchern) welcher von sämtlichen angeschriebenen Literaturagenten abgelehnt oder ignoriert worden ist und in mir dadurch der Wunsch wuchs, mich öffentlich auszudrücken, ohne mich mit den Türwächtern herumschlagen zu müssen.

Mein einziger Vorsatz für diesen Blog ist es, an jedem Wochentag zu posten und dabei die Welt und mein Leben in ihr zu erforschen, ohne dabei an mögliche Leser zu denken. So gesehen könnte man den Grund für diesen Blog darin sehen, dass ich mich zwinge, das am Morgen Niedergeschriebene, oder zumindest einen Teil davon, am Abend einem Auswahl- und Ergänzungsverfahren zu unterziehen und gewisse Gedanken nochmals zu überdenken und ihnen eine Form zu geben.

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