Genesis

Wenn ich meinen ältesten Freund Urs treffe und Carol, meine Frau, mit von der Partie ist, beschleicht mich ein seltsames Gefühl. Da Carol und ich in Madrid wohnen und Urs immer noch in der Ostschweiz, wo wir aufgewachsen sind, sehen wir uns nur ungefähr zwei Mal im Jahr. Meistens ohne Carol, nur Urs und ich zu zweit zu einem Abendessen. Während solchen Treffen fühle ich mich, als tauche ich in meine eigene Vergangenheit ein. Natürlich sind wir beide älter geworden; fast dreißig Jahre sind es her, seit wir uns an der Kanti St. Gallen zum ersten Mal über den Weg gelaufen sind. Und obwohl unsere Gespräche sich eher um Aktuelles als um Vergangenes drehen, versetzen sie mich in eine Stimmung, als existiere die Zeit nicht, als sei das Gestern und das Heute eine unzertrennbare Einheit. Wenn nun Carol dabei ist, wie heute Abend beim Chinesen im Schwarzen Adler, und ich mich aus ihrer Sicht zu sehen versuche, wie ich mich auf Schweizerdeutsch mit Urs unterhalte, kommt es mir vor, als werde ich vor ihr zu einem Fremden. Natürlich stimmt dies gar nicht; für Carol bleibe ich auch bei einem Abendessen mit Urs derselbe. Aber in meinen eigenen Augen sehe ich mich als merkwürdige Mischungen aus demjenigen der ich jetzt bin und denjenigen die ich einmal war. Nicht eine gerade Linie von A über B nach C usw., sondern ein seltsames Buchstabenknäuel, vierdimensional die Zeiten durchdringend.

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