Madrid, 1. Juni 2018

Das Leben eine Art Lavastrom. Die blubbernde Masse wirft Blasen, die alsbald zerplatzen. Diese sind das Bewusstsein einzelner Menschen; auch ganze Kulturen.

Die metaphysische Erlösung ist der Glaube daran, dass all das Blubbern einen Sinn hat, und vielleicht sogar daran, dass das Bewusstsein sich auch nach dem Zerplatzen der Blase in eine andere Welt hinüber zu retten vermag, wo nicht mehr die Willkür des ewigen Stroms herrscht, sondern etwas anderes. Am wirksamsten ist dieser Erlösungsglaube, wenn er gemeinsam geglaubt wird – große Blasen als Kulturen, anstatt jede Blase für sich selbst. Ganz am Ende hofft man auf die den neuen Menschen und die neue Welt, aus welcher das Element des Bösen und des Willkürlichen ganz getilgt ist.

Der metaphysische Trost (nach Nietzsche) ist das Erkennen seiner Selbst als Blase und vor allem das Erkennen des ewigen Stroms auf dem man treibt. Der Weg zur Erkenntnis ist nicht die Religion, sondern die Kunst, vor allem der Musik und der größte unter den Musikern ist Wagner. Nietzsche wendet sich gegen Kunst als Unterhaltung; er hasst den Bildungsphilister. Kunst als Unterhaltung ist das äquivalent zu Religion als soziale Gewohnheit (die heute noch existiert, man denke an kirchliche Hochzeiten und Weiße Sonntage).

Größenteils aber ist die Welt heute zersplittert, so auch die neue metaphysische Erlösung, welche eher ein Hilfsmittel ist, um die Löcher zu stopfen, welcher der materialistische Trost hinterlässt. Dieser hat viele Gesichter, vor allem natürlich Konsum und Kunst als Unterhaltung (Ablenkung). Manchmal auch korrektes politisches Denken und sogar Aktivismus. Brot und Spiele etc. Dann eben das neue metaphysische Erlösungsdenken: Mindfulness, etc., die Rede gegen das Ego, aber trotzdem die Hoffnung, ein individuelles ewiges Leben, sei auch ohne Ego möglich. (Michael Pollan hat auf der Suche nach metaphysischem Trost im technologischen Zeitalter ein Buch über psychedelische Drogen geschrieben und (während eines Ayahuasca-Trips) voller Freude festgestellt, dass auch wenn das eigene Ego sich in der Einheit aller Dinge auflöse, sein Kern (er, als der Sehende und Erkennende) eben doch weiter existiert.)

Ich glaube, dass der metaphysische Trost und die (alte) metaphysische Erlösung (die neue metaphysische Erlösung ist nur ein Pflästerchen) ein und dasselbe sind oder zumindest sein können.

Madrid, 29. Mai 2018

In Madrid regnet es immer noch. Es ist kühl; man trägt Pullover und Jacken. Währenddessen trocknen in Berlin die Parks aus; sie sind so gelb und braun wie (normalerweise) spanische Wiesen im Sommer.

Jakob Burckhardt definierte die folgenden drei Daseinsmächte, und Nietzsche stimmte mit ihm überein: Staat, Religion, Kultur. Natürlich sind alle drei Mächte miteinander verbunden, der Grenzverlauf ist unklar. Unterdessen, würde ich sagen, ist ein vierte hinzugetreten, welche ebenfalls in die anderen drei übergeht: Technologie. (Für manche ist sie Religion, man denke an Kurzweil und seine digitalen Träume vom ewigen Leben; es existieren Pläne, die Technologie zum Staat zu machen (Techno-Utopie, Blockchain-Demokratie, etc.); und ist Elon Musk nicht eigentlich ein Künstler?)

Berlin, 26. Mai 2017

Ich habe beschlossen, mich an einen Großen heranzuwagen: Friedrich Nietzsche. Immer wieder stößt man auf ihn – nicht so sehr in meinem Alltag, dazu fehlt mir der entsprechende Umgang, aber lesend. Man hat den Eindruck, jeder literarische Autor kenne seinen Nietzsche in und auswendig. Man liebt ihn oder wettert gegen ihn – fast könnte man sagen, beides gehört zum guten Ton: Nietzsche zu verehren, wie auch ihn zu verabscheuen, oder vor allem, seine Jünger unter den Zeitgenossen zu verabscheuen (da sie zu sehr zum Klischee geworden sind – allerdings übersieht man dabei, dass auch gegen ein Klischee zu sein zu einem Klischee werden kann).

Nun, all das überrascht mich doch sehr, denn ich habe im Kulturkaufhaus Dussmann mehr als eine Stunde lang Nietzsches Gesammelte Werke durchgeblättert, um zu entscheiden, mich welchem Band ich beginnen soll und beim ziellosen Lesen in den vielen Büchern festgestellt, dass ich fast gar nichts verstehe. Ohne besondere philosophische Vorbildung, tritt man an Nietzsche heran wie an einen unbezwingbaren Berg – und wohl auch mit entsprechender Vorbildung, auch wenn mancher so tut, als sei Nietzsche sei ein Touristenhügel samt Seilbahn und voller ausgetrampelter Pfade. Seine Sätze versteht man sehr wohl, aber weil man den Autoren (noch) nicht (richtig) kennt, ergeben sie keinen Sinn.

Ich habe mir schließlich Jenseits von Gut und Böse gekauft (die dtv Studienausgabe) und am Donnerstagabend darin zu lesen begonnen. Von Anfang an hat mich der Text fasziniert, aber nur weil ich ihn so zu lesen begann, wie jemand der ohne Vorkenntnisse Entomologie zu betreiben beginnt, und sich an jedem Käfer freut, den er auf der Wiese findet, ohne von sich zu erwarten, gleichen einen Aufsatz zur Ameisengesellschaft schreiben zu müssen.

Trotz all dem wissenden Gerede über Nietzsche, muss man sich langsam an ihn heranwagen und für sich selbst entdecken, wie eine Wiese voller Insekten eben, oder ein fremdes Land. Obwohl ganz für sich selbst macht die Reise auch keinen Sinn. Begleitliteratur muss sein, aber bitte nicht im Sinne eines Reiseführers (cause everybody hates a tourist, wie Pulp sang). Ich habe mich für Rüdiger Safranskis Nietzsche – Biographie seines Denkens entschieden.

Madrid, 24. Mai 2018

Bin früh auf dem Flughafen um noch ein wenig zu arbeiten (unterwegs nach Berlin). Ein Gedanke zu Jung, dessen Buch Mandala ich vor ein paar Tagen abgeschlossen habe: Der von ihm beschriebene Prozess vom Ich zum Selbst ist der Weg von der nur das Bewusstsein einschließenden Person (Ich) zur ganzen Person (dem Selbst), welche das Bewusstsein und das Unbewusstsein in sich vereint. Damit hat das Selbst wohl auch Zugang zum kollektiven Unbewusstsein, der menschlichen Erfahrung im Allgemeinen – oder vielleicht sogar zu Allem das ist. Eine Reise ins Innerste wird damit, natürlich, zu einer Reise ins Äußerste.

Madrid, 22. Mai 2018

Schon seit einiger Zeit trinke ich meinen Kaffee in der Cafeteria des Altersheims gegenüber von P.’s Kindergarten. Er kostet nur 60 Cents. Außerdem ist sie, mit Ausnahme des VIPS, das einzige zu Fuß erreichbare Café. Und am wichtigsten: Es ist ein starker Kaffee. Ich trinke ihn im Glas mit heißer Milch, aber das Glas nur zu zwei Dritteln gefüllt. Obwohl ich jeden Tag dasselbe bestellen, muss ich es der freundlichen jungen Dame hinter der Theke immer stets von Neuem erklären. Heute saß ich zum ersten Mal dieses Jahr draußen. Ich las Jungs Mandala-Buch – bin fast damit fertig. Aus der Konklusion: ” … [so] ist man zur Feststellung gezwungen, dass jenseits des Bewusstseins eine dem Individuum unbewusste Disposition von sozusagen universaler Verbreitung vorhanden sein muss, eine Disposition nämlich, die zu allen Zeiten und an allen Orten im Prinzip die gleichen oder wenigstens sehr ähnlich Symbole zu produzieren vermag. Da diese Disposition dem Individuum in der Regel unbewusst ist, habe ich sie als das kollektive Unbewusstsein bezeichnet und postuliere als Grundlager der symbolischen Produkte desselben die Existenz urtümlicher Bilder, der Archetypen.”