Nizon

[Mittwoch] Die Tropfen, oder die Wasserfäden, sind heute Morgen so fein, dass man sich zunächst nicht sicher ist, ob es regnet oder nicht. Noch unter dem Portal fragt man sich, wieso denn dort jemand mit Schirm und gesenketem Kopf durch die Dunkelheit stapft? Nach ein paar Schritten aber fühlt man wie Haare und Gesicht nass werden und schlägt selbst die Kapuze hoch. Im Auto arbeiten die Scheibenwischer auf hoher Stufe. In der Luft bleiben die Tropfen, oder Wasserfäden, fast unsichtbar, die Windschutzscheibe aber trüben sie in Windeseile. Es ist eine gemütliche Fahrt. Ein sanftes, warmes Blasen aus der Klimaanlage, leise klassische Musik aus dem Radio. Dichter Verkehr, wie immer.

Bei diesem Wetter habe ich keine Lust auf den üblichen gemeinsamen Mittwochskaffee. Anderen geht es ebenso; sie verziehen sich nach dem Abladen der Fracht schnell wieder in ihre Autos. Ich fahre zum Büro, trinke vorher aber noch einen cortado im Rodilla. Dort beginne ich mit der Lektüre des Büchleins Aber wo ist das Leben von Paul Nizon. Ich habe es schon einmal gelesen, oder zumindest darin gelesen, denn es handelt sich um eine Geschichten- und Essaysammlung. Texte die eben davon handeln, was der Titel suggeriert. Nizon nennt es Lebenssuche, Lebendigkeitssuche, Lebensqualität. (Wobei sich dieses letzte Wort merkwürdig neoliberal anhört. Lebensqualität … ist das nicht etwas für Büroangestellte, etwas, das man sich kauft? Neoliberal war 1983 wohl noch kein Begriff.) Die erste Geschichte im Buch heißt Aufgewachsen in Bern.

Auf Nizon bin ich bereits in den frühen neunziger Jahren als Student oder sogar noch als Schüler gestoßen. Damals schon hat mich der Einsiedler, der Höhlenbewohner, der Sammler und Jäger aus Paris fasziniert. Mein Zugang zu seinen Texten war damals noch beschränkt, aber die Figur des Autors selbst faszinierte mich. Um diese drehen sich die Texte, zumindest ist sie mit ihnen verwoben, denn Nizons Thema ist Nizon. Das war noch zu einer Zeit, als man Autoren nur durch ihre Bücher kannte; ich wusste nicht, wie Nizon sprach, sein Aussehen kannte ich nur aus ein paar Zeitungsberichten. Heute besteht die Versuchung, jeden der etwas veröffentlicht hat, gleich auf Youtube zu suchen. Auch beim Lesen von Aufgewachsen in Bern, komme ich nicht darum herum, mir das Langäss-Quartier in Bern, von dem die Rede ist, auf Streetview anzusehen, ebenso den Bremgartenwald, „kein Wäldchen, sondern ein ausgedehntes Waldgebiet“. Ich hatte damals, Anfang der Neunzigerjahre, noch keinen anderen Schriftsteller gelesen, der schrieb wie Nizon. Auch Hemingway, meiner erster literarischer Held, schrieb über sich selbst, aber er wickelte die Lebensbetrachtung in Geschichten; ebenso Hesse, der andere Klassiker für junge Leser. Nizon war anders. Er schrieb um des Schreibens Willen. Nizon schrieb über Nizon, ein Faden in Form einer Geschichte war nicht auszumachen. Das gilt zumindest für alle Bücher ab seiner Paris-Phase. Die Schweizer Bücher, vor allem Canto und Stolz, habe ich immer noch nicht gelesen.

Dann vergaß ich Nizon für eine lange Zeit. Schon als ich selbst in Paris studierte, war er in den Tiefen meines Gedächtnisses versunken. Dann Bangalore, Madrid, Paris, London, Berlin – Nizon blieb ein Untergetauchter. Doch irgendwann, vor ein paar Jahren (wieder in Madrid), begann er sich wieder bemerkbar zu machen. An den ersten Kontakt, den Beginn der Wiederaufnahme des Kontaktes, kann ich mich nicht mehr erinnern. Vermutlich hatte ich in der Gossauer Gebrauchtbuchhandlung seine Journale entdeckt. Ich las seine Journale. Ich las ein paar Texte im Buch, dass ich jetzt wieder lese. Ich las Das Jahr der Liebe.

Nizon ist ein außergewöhnlicher Schriftsteller. Vielleicht der wichtigste lebende deutschsprachige Autor. Sicher mein Lieblingsschriftsteller, obwohl mir das erst heute Morgen bewusst wurde. Mein Lieblingsschriftsteller zusammen mit W.G. Sebald, einem anderen großen Unbekannten der deutschen Literatur. Ich bewundere Schriftsteller, die keine Geschichten brauchen, um zu erzählen. Nizon webt einen Sprachteppich. Zunächst heften sich die Augen ans Material, den Stoff, die Farben, die Qualität desselben, noch weiß man nicht, was da entsteht, aber mit der Zeit wird ein Teppich sichtbar, bis er plötzlich in seiner ganzen Perfektion vor einem liegt, ein wertvoller Perser, nicht groß aber dicht, für ein ganzes Leben gewoben, sogar die Erben werden sich um ihn reißen. So gesehen, schreibt Nizon keine Bücher, sondern an seinem Werk. (Immer noch arbeitet er daran, bald 89-jährig, nach wie vor in Paris).

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[Heute] Ein neues Buch von Nizon ist eingetroffen: Über den Tag und durch die Jahre. Untertitel: Essays, Nachrichten und Depeschen. Wieder im Rodilla mit einem Cortado lese ich vor der Arbeit darin die erste Geschichte: Brief aus Rom.

Midterms

Zwischenwahlen in den USA. Der cultural war ist in vollem Gange und man will sich mit keiner Seite identifizieren. Auf der einen Seite die falschen Bewahrer des Alten; unlautere Konservative, die dem Volk das Bild eines Landes vorgaukeln, das niemals zurückkehren wird, und unter dem Deckmantel dieses Versprechens ein neoliberales, staatsfeindliches Programm durchschleusen. Auf der anderen Seite der Globalismus, der sich ebenfalls unter einem Deckmantel versteckt, nämlich dem der politischen Korrektheit und des Relativismus. Hier nicht das Versprechen eines heilen Amerikas, sondern einer heilen Welt, in der wir alle das Recht auf den Konsum der gleichen Produkte und Unterhaltungsangebote haben. Beide Seiten rekrutieren die Religion für sich. Die einen the old-time religion, die anderen den „wissenschaftlichen Humanismus“, welcher unter verschiedenen Namen daherkommt.

Es sieht nicht gut aus im Land, das einst als der leader of the free world bekannt war. Aber war es wirklich einmal besser? Natürlich erinnert man sich mit etwas Nostalgie an den einen oder anderen Kopf aus den achtziger und neunziger Jahren, aber so wirkt die Zeit. Sie poliert und lackiert, überdeckt und versteckt. Natürlich gibt es Ausschläge nach oben, ebenso nach unten (und Trump ist natürlich ein Extremausschlag), aber das Mittelmaß ist die Regel. Wenn aber das die Analyse ist, muss ich mir die Frage stellen, wie wir es denn geschafft haben, den stabilen, freiheitlichen Westen mit seinen Institutionen aufzubauen? Weshalb ist über die Jahrhunderte immer alles besser geworden, wenn doch meistens das Mediokre regiert? Denn ist es nicht unbestreitbar, dass unser Lebensstandard und unsere Freiheit sich auf einer seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, nach oben zeigenden Kurve bewegen? Und zwar nicht nur bei uns im Westen, sondern auf der ganzen Welt (nicht überall auf der Welt, aber zumindest auf der Welt insgesamt). Steven Pinker schreibt in Enlightenment Now darüber.

Ich habe keine Antwort auf die Frage, weshalb in einer von mittelmäßigen Politikern regierten Welt, sich die Lage der Menschheit im Großen und Ganzen stets zu verbessern scheint. Weshalb ist nicht überall Somalia?

Und natürlich ist es ein Fortschritt mit einer wachsenden Hypothek. Ein Fortschritt auf Pump. Funktioniert unser gesamtes Gesellschaftssystem nur, weil es auf Wachstum basiert, wobei dieser Wachstum aber nicht gratis ist, sondern sozusagen ein Energietransfer aus der Umwelt in die Welt der Menschen? Eine Übertragung der Kraft der Natur in die Kraft der Maschinen. Wird das Fundament, das uns trägt, zusammenbrechen, sobald der Natur keine transferierbare Energie mehr bleibt? Vielleicht hat Steven Pinker unrecht. Vielleicht ist er mit seiner Analyse im liberalen Geist der Zeit gefangen (wie Fortschritts-Leugner John Gray, einer meiner kontemporären Lieblingsphilosphen, behaupten würde).

Capitalist Realism

In der Nacht: Ich fahre in der Bahn durch ein unheimliches Land. Es scheint sich um Nordkorea zu handeln. Mir gegenüber sitzt ein junger, dicklicher Mann. Wir unterhalten uns, worüber weiß ich nicht mehr. Bei einem Halt steigt ein anderer junger Mann hinzu, der sich neben mich setzt. Alles deutet darauf hin, dass es sich bei diesem zweiten Reisegefährten um den Sohn eines hohen Beamten oder gar eines Ministers handelt. Er steht über dem Gesetz und scheucht meinen ersten Gesprächspartner mit einer Handbewegung fort. Später lädt mich der mächtige junge Mann, der mich wie einen Freund behandelt, zu sich ins Büro ein. Mir ist nicht ganz wohl dabei; ich bemühe mich, nichts Falsches zu sagen. Auch als er mir mitteilt, mein erster Reisegefährte sei nun tot oder im Konzentrationslager, nicke ich nur. „Wir hatten drei großartige Präsidenten”, sagt der junge Mann, „deshalb funktioniert hier alles so gut. Ich verstehe nicht, wie Leute wie dieser andere sich über alles beschweren können.” Die drei Kims fallen mir ein: Il-sung, Jong-il und Jong-un, die Herrlichen. – Später begegne ich aber dem ersten, angeblich verschwundenen oder verstorbenen jungen Mann wieder. Er ist nervös aber bei guter Gesundheit, sagt, er habe Glück gehabt, ein anderer Mächtiger hätte ihn mit einem Dokument ausgestattet, das ihn vor dem Zugriff böser Elemente im Staat schütze. Er zeigt mir das Dokument, eine Art Pass. Darin sehe ich tatsächlich den lebensrettenden Stempel.

Dieser Traum mag zweierlei Ursachen haben: Zum einen zirkuliert in der Presse diese Tag ein Bericht aus dem Irrenhaus Nordkorea, demzufolge sexuelle Gewalt im Reich der Kims zum Alltag gehöre. Die führende Klasse, welche die klassenlose Gesellschaft verwaltet, aber auch schon Polizisten und mittlere Beamte, hätten bei Übergriffen keine Konsequenzen zu fürchten. Es scheint sich um ein Land zu handeln, in welchem die Macht total mit der Hierarchie verwoben ist. Nach unten tut und lässt man, wie einem beliebt; nach oben ist man vogelfrei. Ganz sicher ist nur der Oberste, aber wohl auch nur theoretisch. Auch der Große Führer, oder wie auch immer der jüngste Kim sich nennt, fürchtet immer um sein Leben. Ständige Säuberungen sind die Folge.

Zum anderen habe ich die Lektüre an Mark Fishers Kapitalismuskritik Capitalist Realism wieder aufgenommen. Fishers These: Der Kapitalismus hat es geschafft, sich als Realität zu verkaufen. Der Kapitalismus nicht als aufgezwungenes Ordnungssystem, sondern als wahrgenommener Naturzustand. Aus diesem Grund braucht er, im Gegensatz zum Faschismus oder Kommunismus, keine Propaganda. Im Gegenteil: Er integriert die Kapitalismuskritik. So ist es heute in vielen Kreisen üblich, sich kritisch zum Kapitalismus zu äußern; damit ist den eigenen Bedenken aber Genüge getan – man kann sorgenlos partizipieren. Sogar die großen Akteure und Profiteure des Kapitalismus, beteiligen sich an der Kapitalismuskritik. In wie vielen Hollywood-Filmen, produziert von Studios, die riesigen Konglomeraten angehören, stellt sich der Bösewicht als multinationale Firma heraus? (Fishers Beispiel: Im Film Wall-E produziert von Pixar, welches The Walt Disney Company gehört, die letztes Jahr 55 Miliarden Dollar Gewinn gemacht hatte, ist der Bösewicht ein Amazon-ähnliches Großunternehmen namens Buy n Large.)

Fisher aber schreibt, dass hinter dem Real des Kapitalismus (dem wahrgenommenen Naturzustand, welcher uns weismacht Kapitalismus = Realität, sprich: es gibt keine Alternative), die Reality steht, also der echte Naturzustand. Diese durchschimmernde Reality, Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus eben nicht das Real ist, lässt sich an verschiedenen Phänomenen erkennen. Fisher nennt drei Beispiele: Die Zerstörung der Umwelt, die mental health crisis, und der Bürokratismus. Zum dritten bin ich im Text noch nicht vorgestoßen, das erste sieht Fisher als verlorenes Feld, da der Kapitalismus das Problem der Umweltzerstörung bereits weitgehend integriert hat (Öko-Label, CO2-Abgaben, Naturschutz als willkommenes Werbemittel, etc.). Er schreibt über das zweite Phänomen, die Krise der geistigen Gesundheit in der westlichen Bevölkerung. Fisher sieht die heutige, westliche Gesellschaft nicht mehr als von oben diszipliniert, sondern als von innen heraus kontrolliert. Das heißt, dass kein Sklaventreiber mit Peitsche uns mehr zur Arbeit nötigt, wie es bis vor wenigen Jahrzehnten zumindest metaphorisch noch der Fall war, sondern dass wir uns die Regeln verinnerlicht haben, sprich Disziplin durch Selbstkontrolle. Da wir unser System als Naturzustand wahrnehmen, können wir gar nicht anders, als mitzuspielen. Um die hypermoderne Bedeutungslosigkeit des Lebens auszuhalten, werden wir dazu angehalten, uns ununterbrochen durch Unterhaltung und Konsum abzulenken. Dies macht süchtig. Wir sind nicht mehr worker-prisoners, sondern debtor-addicts. Süchtig nach Diversion, unfähig uns zu konzentrieren; nur der Kapitalismus ist als Realität vorstellbar. Dies gilt natürlich auf für diejenigen, die sich gegen das System stellen, Globalisierungsgegner oder Antifa. Ich sehe sie als Gelangweilte, welche sich nur durch gelegentliche extreme Zirkusspiele geistig einigermaßen gesund halten. Würden sie sich nicht ab und zu vermummen, würde das Grau der Langeweile sie einhüllen wie eine Spinne das Insekt. Wer sich also nicht für die Spiele des Systems interessiert, erfindet selbst welche. Brot und Spiele, wie eh und je. Es passt zur Hypermodernität, dass die Spiele nicht mehr im Colliseum, oder am Samstagabend um Viertel nach acht im Fernsehen stattfinden, sondern im kleinen Rahmen, auf tausend verschiedenen Platformen.

Aber ist die „Krise der mentalen Gesundheit” wirklich ein Hinweis auf die Reality hinter dem Real? Oder ist Fishers Reality, ein Zustand in dem es „allen gut geht”, nicht eher eine Utopia, vergleichbar den Hoffnungen mancher Grundeinkommen-Initianten, dass, abgesichert durch ein Grundeinkommen, auch noch der letzte Spießer künstlerische Ambitionen entwickeln würde? Vom Staate organisiertes Glück also. Sind es nach Abdeckung der Grundbedürfnisse (und diese sind im Westen abgedeckt, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit) nicht vielmehr die inneren Zustände und nicht so sehr die äußeren Umstände, die für das Befinden des Menschen verantwortlich sind? Fisher zieht als Beispiel die Studenten der Universität, an der er lehrte, heran. Er nahm diese als gelangweilte, junge Menschen war, ohne Visionen und süchtig nach Ablenkung und fand die Erklärung dafür im hypermodernen, akzelerierenden Kapitalismus. Damit mag er teilweise Recht haben, doch es gibt nicht nur den Ausweg des Systemwechsels (der unmöglich scheint), oder gar der Revolution (die nie kommt, und wenn sie kommt, wie wir wissen, im Desater enden wird). Es gibt auch den inneren Ausweg. Den Ausweg des Waldgängers, den Ausweg Thoreau, den Ausweg jedes Künstlers, jedes Unternehmers, jedes selbstbestimmten Lebens. Die Umwelt hat dem Menschen zu allen Zeiten, in allen System, Hindernisse in den Weg geworfen. Früher waren es Mangel und Mittellosigkeit, heute ist es der Überfluss und die schwindelerregende Akzeleration. Definiert man Reality als der Zustand, in dem die Massen sich nicht mehr langweilen, meint man nicht die Realität, sondern eine Utopia.

In einem anderen Punkt gebe ich Fisher recht, und zwar in dem, den er erwähnt und dann liegengelassen lässt: Die Umweltzerstörung. Wir nehmen diese zur Kenntnis und nehmen sie in Kauf. Die meisten von uns haben sie (wie Fisher richtig feststellt) in unser tägliches Verhalten integriert. Wir sharen einen Artikel über die Überfischung auf Facebook, achten beim Fischkauf auf beruhigende Label. Der Kapitalismus ist auf dem Weg, alles platt zu walzen und wir suchen nach kapitalistischen Mitteln, dieses Planieren zu stoppen. Dass dies nicht möglich sein wird, da ja ständiges Wachstum die Conditio-sine-qua-non des Kapitalismus ist, ahnen wir, partizipieren aber trotzdem wie Herdenschafe, da der Kapitalismus ja die einzige Realität ist. Natürlich gibt es Verweigerer, sich-an-Bäume-Binder, aber der Kapitalismus hat sie als Zirkusclowns integriert. Dabei müsste uns die Umweltzerstörung doch eins vor Augen führen: Es muss tatsächlich eine Realität jenseits des Kapitalismus geben. Und ist der Mensch nicht zum Erforschen des Unbekannten prädestiniert? Müssten wir uns nicht auf die Suche, nach dieser Realität machen? Weshalb stehen wir in dieser Sache vor einer Wand?

Natürlich ist vielen von uns bewusst: Die Gefahr, die von anti-kapitalistischen Experimenten ausgeht, ist groß. Die Mehrheit fürchtet die Revolution. Nur eine Minderheit ist ihr geneigt, sei es aus Langweile oder Verzweiflung. Eher wohl aus Langeweile, denn Langeweile ist im Westen ein viel größeres Problem als Verzweiflung. Aber eben: Die Langeweile lässt sich integrieren, sei es durch Netflix oder im Schwarzen Block.

Brückentag

Gestern war Feiertag, heute ist Brückentag. Am Morgen habe ich trainiert, heute war Laufen dran, ich war im Polvoranca. Jetzt bin ich alleine zu Hause, Carol, Mom und Paul sind mit den Abuelos in der Sierra. Ich habe am Küchentisch meinen Kaffee getrunken und in Sloterdijks Heften gelesen („Hefte”, so sollte dieses Zeilen und Tage-Buch eigentlich heißen, auch wenn der Begriff des cahier etwas abgegriffen sein mag).

Was ist die Rolle des Tagebuchführenden, des Betrachtenden, des Autors überhaupt? Für mich es in erster Linie die Arbeit des Lesers, der das Gelesene verarbeitet, die Gedanken anderer Menschen den eigenen Mühlen zuführt und das, was unten herauskommt, so gut es geht festzuhalten versucht. Dabei wird einem immer wieder bewusst, wie beschränkt die Kapazität der eigenen Mühle ist. Damit meine ich nicht, ihre Fähigkeit zu mahlen und brauchbares Mehl zu produzieren (auch die ist beschränkt), sondern ihre Durchlaufleistung. Wie vieles hat man noch nicht gelesen. Auch Klassiker, Grundlegendes, Unerlässliches. Bei Sloderdijk stoße ich auf Bruno Latour. Wie viele Stunden müsste man sich mit ihm befassen, um ihn auch nur oberflächlich zu verstehen? Und lohnte sich ein solches Unterfangen überhaupt, wenn man Sartre nur aus dem Gymnasium kennt (sprich: kaum kennt)? – Wer hatte gesagt, dass ein Autor das Lesen sehr ernst nehmen muss? Ian McEwan war’s.

Sloterdijk beginnt seine Laudatio auf Latour mit einem Foto von dessen Eltern. Ein Foto von der Hochzeitsreise in der Zwischenkriegszeit. Dort der Satz: „Der gutaussehende junge Mann, der durch seine Hornbrille gesammelt und leise spöttisch in die Kamera schaut, hat bereits die Luft der Moderne geatmet …”. Dabei scheint Sloterdijk die Moderne nicht als Epoche zu verstehen, sondern eher als die Postmoderne. Als zollte dieser burgundische Gatsby durch die Heirat und die Hochzeitsreise noch sein Tribut an die Tradition, obwohl er die Revolutionen der Nachkriegszeit bereits in der Luft spürte. Dabei ist der noch ein paar Jahrzehnte in der Zukunft liegende gesellschaftliche Wandel der sechziger Jahre wichtiger, als die vor der Tür stehende Katastrophe (die mit ihrer Massenvernichtung die Vorstufe der Postmoderne ist).

Ähnlich der Zwischenkriegszeit ist auch die Zeit, in der wir leben, Vorstufe zu etwas Neuem. Dabei haben wir den Zeithorizont, hinter dem das Unvorhersehbare liegt unmittelbar vor Augen. Vorhölle oder Vorstufe zu einer neuen Ordnung? Vermutlich beides. Man hat das Gefühl, dass im Zeitalter der Technologie beides nebeneinander bestehen wird.

Jünger/Sloterdijk

Gestern noch … oder eigentlich am Donnerstag, denn oft hinke ich hier den privaten Notizen hinterher … Gestern noch mehr als hundert Seiten in den beiden neu eingetroffenen Büchern von Sloterdijk und Jünger gelesen. Über die beiden habe ich gestern schon ein paar Worte verloren. Was gefällt mir an diesem Jünger, dem Antimodernen, den auch seriöse Leser heute entweder nicht mehr kennen, oder belächeln, oder gar verachten? (Ich erinnere mich daran, wie Jonas Lüscher sich in Kraft über die Marmorklippen lustig machte. Das Buch wird als Literatur für hyperventilierende und gleichzeitig altväterliche Neoliberale dargestellt.) Was gefällt mir an ihm, der der Gefahr und gar dem Tod nie ausgewichen ist, aber immer überlebt hat? Der mit 91 nach Malaysia und Indonesien reist, zum Zweck der subtilen Jagd durch den Urwald streift und sich jeden Morgen um fünf Uhr wecken läßt, um den Kometen wiederzusehen. Nie scheint ihn die vor ihm liegende Linie – der Tod – zu bedrücken. Obwohl er selten über ihn, den Tod, und gar nie über „das Leben” nach diesem schreibt, wird doch klar, dass er ihn wirklich nur als Linie sieht. Als das Ende einer Etappe. Und natürlich liegt jedes Etappenende auf einer Straße, die immer weiter geht. Ein Glaube oder auch nur ein spirituelles, mehr oder weniger geschlossenes Denksystem ist bei Jünger nicht auszumachen. Noch mit 91 sieht er sich nicht als Christ, obwohl das Gerücht geht, er soll kurz vor seinem Tod Katholik geworden sein. Es ist wohl dieses anarchische, das mir an ihm gefällt. Dieses furchtlose Leben, sich jedem Dogma verweigernd, nicht einmal das eigene Denken in einen Systemmantel zwingen wollend, und trotzdem alles betrachtend und bedenkend. Und natürlich auch diese Worte:

„Einen Tag ohne Lektüre kann ich mir kaum vorstellen, und ich frage mich oft, ob ich nicht im Grunde als Leser gelebt habe. Die Welt der Bücher wäre dann die eigentliche, zu der das Erlebnis nur die erhoffte Bestätigung darstellte – und diese Hoffnung würde stets enttäuscht.” [Am 19. April 1986 in Malaysia geschrieben. Beim Lesen des Büchleins Zwei Mal Halley, ein Buch, wie es mir vorkam, aus längst vergangener Zeit, fiel mir plötzlich ein, dass ich nur sieben Jahre nach Jünger in Medan, auf Sumatra, selbst zum ersten Mal indonesischen Boden betrat.]

Gäbe es ein Kontinuum Mystik-Muse-Philosophie, wobei mit Philosophie rigoroses Denken gemeint ist, mit Muse die Kunst (Denken mit anderen Mitteln) und mit Mystik innerlich Erlebtes, steht Jünger zwischen der Mystik und der Muse und Sloterdijk zwischen der Muse und der Philosophie. Es soll nur wenige große Philosophen geben, welche mit ihrem Werk auch musisch brillieren; Sloterdijk erwähnt in seinen Tagebuchaufzeichnungen Zeilen und Tage Nietzsche und Sartre. Er selbst gehört vielleicht selbst auch zu dieser exklusiven Gruppe. Seine Tagebücher (seine „Hefte”) sind recht dichte Philosophie, aber leichter verständlich als die beiden Bücher, die ich von ihm gelesen haben (Nach Gott, und Was geschah im 20. Jahrhundert?). Nur ab und zu schafft es etwas nicht-Philosophisches, sich in Sloterdijks Heft zu schmuggeln. Oft handelt es sich dann um Banales, denn offensichtlich ist auch ein Mensch vom Schlage Sloterdijks nur ein Affe, den die Evolution mit dem zufälligen Nebenprodukt Bewusstsein belohnt (oder bestraft) hat. So oder ähnlich sieht Sloterdijk selbst das Bewusstsein. (Ob das wirklich so ist, bleibt dahingestellt.) Gänzlich banal wird es, wenn der Philosoph über die eigenen Triebe schreibt, so als er einer jungen Frau am Amsterdamer Bahnhof nachschaut und sich mit Konfuzius wünscht, siebzig Jahre alt zu sein, damit sich „nichts in ihm rege”. Das aber verringert den Genuss der Lektüre seiner Hefte nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Es tut durchaus wohl, sich vor Augen zu führen, dass der große Philosoph im Grunde genauso ein Affe ist, wie die semi-depressiven Proleten, welche beim FC Basel Fußball spielen (so beschreibt sie Sloterdijk, als er ihnen in einem Luxushotel in Sils Maria über den Weg läuft).