Corona Tag 69

Man spricht von Corona-Frisuren. Ungebändigte Haare bei Männern, die sich nicht trauen, mit der Haarschneidemaschine für Ordnung zu sorgen (fucking hippies, würde Rick Dalton sagen). Haarbänder bei Frauen, um die sogenannte “diadema” zu verbergen, jene untersten Zentimeter bei der Haarwurzel, welche den Kopf als andersfarbiges Haarband zieren und damit den Rest des glänzenden, voluminösen Haares infrage stellen. Den Spielplätzen geht es ähnlich. Gestern sahen wir ein besonders verwildertes Exemplar. Der staubige Sandboden dem man es unter normalen Umständen nicht zutrauen würde, etwas anderes als die widerspenstigsten aller Grasbüschel hervorzubringen, war fast gänzlich mit hohem Grass überdeckt. Viel falscher Weizen wog sich im Wind; aber auch ein paar blaue und gelbe Blumen waren darunter. Die Rutschbahn stand verloren in der Savanne; die Wippe war kaum zu sehen. Nur unter der Schaukel gelang es den Gräsern nicht Wurzel zu fassen. Ein Flecken Wüste im grünen Meer.

Corona Tag 68

Irgendwann kippt das Wetter. Ehe man sich versieht, ist die Sommerhitze da … Am Freitag regnete es noch stark. Es war kühl, so kalt, dass der Hauswart die Zentralheizung nochmals angeworfen hatte. Durch die geschlossenen Fenster war das regelmäßige Rauschen des Niederschlags zu hören und das unregelmäßige und doch harmonische Konzert der großen, schweren Tropfen, die sich auf Sonnenstoren ansammeln, um dann zu fallen und auf einem Klimaanlagekasten zu zerschmettern. Am Tag darauf waren die Wolken weiß. Ich stell die Heizung wieder ab, schrieb der Hauswart. Heute ein blauer Himmel. Es könnte sein, dass der Sommer nun Einzug gehalten hat. Bald wird er sein brühendes Regime installieren.

Corona Tag 56

Corona beginnt sich ganz langsam im Sand zu verlaufen … Zumindest hat man diesen Eindruck. Natürlich befinden wir uns erst in Phase 1 der Lockerungsmaßnahmen. Noch sind die bares und terrazas geschlossen, kein con leche am Morgen, keine cañas am Abend; aber man bereitet sich auf die baldige Öffnung vor. Auf der Straße wird zwar Maske getragen, aber alle sind unterwegs: Pensionäre, Kinder, Jugendliche, Runner. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass die Öffnung mit der Ankunft des Frühsommers zusammenfällt. Gestern war ein staubiger, windiger Tag, dreißig Grad warm und so hell, dass man blinzelnd durch die Parks ging. Ständig wischte man sich etwas aus dem Auge. Überall hörte man es Niesen, aber es handelte sich um Heuschnupfen, nicht Covid. In ungefähr zwei Wochen werden wir sehen, wie sich diese Öffnung auf die Kurve auswirkt.

Corona Tag 50

Tausend Jahre sind ein Tag, sangen sie früher im Fernsehen. Doch mir kommt es eher vor als seien fünfzig Jahre fünfzig Tage. Eines Morgens wacht man auf: Fünfzig. Das dahinterstehende Nomen spielt keine Rolle.

Corona ist die Zukunft. Pure Akzeleration. Die Zukunft, die mit all ihren Erschütterungen und Errungenschaften im Boden unserer globalisierten Welt vergraben lag, wird durch den Tsunami Corona ans Tageslicht geschwemmt. Ein reißender Fluss durch verlassene Städte. Wie Touristen in Thailand, stehen wir auf dem Dach des Hotels und schauen zu, wie die Zukunft ihr Regnum installiert. Wir tun was wir können: Grundeinkommen, Gelddrucken, Rettungsprogramme … Aber die neue Normalität, die uns erwartet, vermag niemand vorherzusehen. Einzig ein paar Silhouetten zeichnen sich im Durcheinander ab: der Tod des Einzelhandels, das Aufblähen der Staaten … Doch das Meiste bleibt noch unverständlich. Zum Beispiel die Börse. Die größte Rezession seit der Großen Depression lauert am Horizont, doch die Aktienpreise reflektieren diese nicht, als hätten sie die ihnen von Wirtschaftswissenschaftlern zugeschriebene Fähigkeit, der Zukunft ein Preisschild umzuhängen, verloren.

Corona Tag 49

Ganz zum Ende der Nacht dieser Traum: Ein Schwarzweiß-Film aus dem Krieg. Das Kunstwerk eines großen, alten Filmemachers. Der Krieg, um den es sich handelt, ist wohl der Zweite Weltkrieg; der Regisseur war Bergman. Der Film besteht aus einer Rundherum-Aufnahme. Langsam dreht sich die Kamera um die eigene Achse und offenbart in einem 360-Grad-Schwenker die ganze Umgebung. Es handelt sich dabei um das Oberwatt-Quartier in Gossau. Die Kamera schwebt fünf oder zehn Meter über dem Boden, ungefähr dort, wo die Nelkenstraße zur Wohnstraße wird. Stumm und verlassen liegen die Häuser da. Dazwischen wiegen sich die Bäume und Büsche sanft im Wind. Aber nichts ist zu hören, da es sich um einen Stummfilm handelt. Im Traume betrachte ich den Film und denke: Damals im Krieg standen also diese Häuser schon. Was der Regisseur damit wohl sagen will? Er will vielleicht zeigen, dass nur die Zeit, nicht aber der Raum uns vom Kriege trennt. – Hier bricht der Traum ab. Während ich dies schreibe, zieht draußen Nebel auf. Die Balkontür ist nur ein Spaltbreit offen, trotzdem spürt man die hereinströmende Kälte. Ab und zu hört man die einsamen Schritte von jemandem, der zur Metro geht. Die Vögel haben ihr Morgenkonzert beendet, nur eine einzige Taube ist noch am gurren.

Corona Tag 48

Gestern durfte Paul nach mehr als vierzig Tagen Zwangsaufenthalt in der Wohnung (mit ein paar Besuchen auf dem Dach und einem einzigen „illegalen“ Spaziergang, bei dem wir uns vor der Guardia Civil hatten verstecken müssen) zum ersten Mal wieder offiziell ins Freie. Um halb zehn am Morgen zogen wir uns sportlich an – ich in meinem running outfit und Paul in kurzen Hosen, an die seine Mama einen Schwanz angenäht hatte; er war ein Neuweltäffchen – und machten uns auf den Weg durch die Stadt (wobei wir den vorgeschriebenen ein-Kilometer-Radius manchmal ein wenig überschritten). Als erstes begegneten wir unseren Nachbarn, Susana und Mateo, einer Mama und ihrem sechsjährigen Sohn, den Paul „seinen Freund“ nennt, weil er ihn vom Balkon her kennt. Auch sonst waren um diese Zeit schon recht viele Kinder unterwegs. Sie durften sich nicht zu nahekommen, sodass ein paar der Kinder sich, auch wenn sie sich nicht kannten, aus sicherer Distanz zuwinkten. Es war kühl; die meisten Kinder trugen Jacken, nur Paul, der eben ein new world monkey war, trug kurze Hosen. Ein graublauer Himmel lag über der sauberen, aber verwilderten Stadt. Der stockend und in vielen Bereichen ganz zum Stillstand gekommene Wirtschaftsbetrieb wirkte sich auf die Sauberkeit der Straßen aus; andererseits aber sprießten in den Parks und auf anderen Grünflächen das Gras und die Pflanzen in saftigem Grün, da sie nach den ausgiebigen Aprilregenfällen nicht zurückgeschnitten worden waren. Bereits nach wenigen Wochen des Ausnahmezustands kam es einem also vor, als spaziere man durch eine Stadt, die plötzlich von den Menschen verlassen worden war. Das lag natürlich auch daran, dass die Abfallentsorgung weiterhin gut funktioniert, während die städtischen Gärtnereibetriebe bis auf Weiteres ihre Arbeit eingestellt haben. Die ruhige Sonntagmorgenatmosphäre trug das Ihrige zum Gefühl bei, die Stadt sei zum Park geworden. Obwohl man eigentlich nur einmal raus darf, machten wir nach dem Mittagessen noch einen Spaziergang. Paul kletterte auf Bäume.