Madrid, 5. April 2019

Gestern war ich mit Carol im Golem. Wir sahen den neuen Film von Almodóvar: „Dolor y Gloria“. Es gab einen Film im Film der „El Primer Deseo“ hieß. Auch so hätte der Film heißen können. Beide Titel sind muy Almodóvar. Ich erinnere mich an meinen ersten Almodóvar: „Carne Trémula“, 1997 im Palace in St. Gallen. Ich sah ihn mit Juan. Damals sprach ich noch kein Spanisch. Ich sagte zu Juan: „In Spanien scheinen die Türen in den Wohnungen von hoher Qualität zu sein. Sie schließen mit einem edlen Klick.“ „In Tat und Wahrheit“, antwortete Juan, „sind spanische Türen von schlechter Qualität; sie scheppern beim Zufallen.“ Heute weiß ich, dass beide Spanien existieren. Scheppernde Türen gehören ebenso dazu, wie solche, die mit einem edlen Klick ins Schloss fallen.
Carol und ich sind Almodóvar-Fans. Das heißt, dass wir uns alle seine Filme anschauen, ohne sie zu beurteilen, wie ein Atleti-Fan, der einfach ins Stadion geht, egal, auf welchem Tabellenplatz seine Mannschaft steht. Ein Almodóvar-Film ist nämlich nicht entweder gut oder schlecht. Er ist eine Welt für sich, die so ist, wie sie ist und nicht anders sein könnte. Man setzt sich ins Kino und taucht in sie ein. Eine Welt wie ein Baum dessen Wurzeln im alten Spanien liegen, in den Dörfern der Mancha während der Franco-Zeit, mit seinen allgegenwärtigen religiösen Bildern, die trotz der quacksalberischen Pfarrer ihre Kraft nicht verlieren; mit ihren Müttern, die sich um alles kümmern und den nichtsnutzigen Vätern, die man nie zu Gesicht bekommt; eine Welt wie ein Baum, dessen Krone Madrid ist; ein Madrid der Schönen und manchmal auch Reichen; ein Madrid der Künste, der Mode und der Musik, mit seinen roten Ledertaschen, die sich beim Öffnen und Schließen eben so edel anhören wie die Türen; Madrid mit seinen immer unzufriedenen aber nie von banalen Geld- oder Familiensorgen geplagten Künstlern.
Almodóvar wird dieses Jahr siebzig. In „Dolor und Gloria“ ging es um Schmerzen, Krankheit, Bedauern und Drogensucht; und um die Kraft, trotzdem immer weiter zu machen.

Madrid, 4. April 2019

Obwohl ich mich normalerweise nicht an meine Lesepläne halte, habe ich einen neuen gemacht. Dies nach meiner Büchersuche bei Hugendubel, bei der ich mich fühlte, wie früher an Frühstücksbuffets, frustriert feststellend, dass man soviel gar nicht essen kann. Der Plan besteht darin, in Fünfer-Zyklen zu lesen. Ein Zyklus besteht aus fünf Büchern aus den folgenden Gruppen: 1. Klassische Literatur, 2. Zeitgenössische Literatur, 3. Klassisch (anderes); 4. Zeitgenössisch (anderes), 5. Geschichte.
Der erste Zyklus bestand aus:
1. Turgenjew: “Väter und Söhne”
2. Kracht: “Faserland” (Eigentlich bereits ein Klassiker.)
3. Bauman: “Die Angst vor den anderen” (Eigentlich kein Klassiker, wie sich herausstellte, sondern ein eher simpel gestricktes Essay.)
4. Nancy: Sexistenz (Geschwätz.)
5. C.H.Beck Wissen (Bernecker): Spanische Geschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. (Dieses Buch habe ich gestern gekauft.)

Madrid, 2. April 2019

Ich lese „Faserland“. Gekauft „2000, ZH HB“ – das steht vorne im Buch. Vermutlich in jener Buchhandlung im Shopville, die ich schon seit Jahrzehnten gerne besuche. Heißt das eigentlich immer noch Shopville? Dieser Name hört sich sehr veraltet an, aus den neunziger Jahren. In diesem Sinne passt er gut zu Faserland. Faserland ist eigentlich ein Bericht aus jener Zwischenzeit, die man eben die „neunziger Jahre“ nennt. Es wurde 1995 veröffentlicht, ungefähr auf halber Strecke zwischen dem Ende des Kalten Kriegs und 9/11. Trotzdem ist das Buch überhaupt nicht veraltet, obwohl noch Autotelefone vorkommen und Flugtickets an Schaltern gekauft werden. Es liest sich in einem Zug; wenn ich Zeit hätte, würde ich es heute Morgen noch fertig lesen. Mit der Lektüre von Faserland beginnt mich Christian Kracht zum ersten Mal zu interessieren. Als ich das Buch zum ersten Mal las, ließ es mich noch recht kalt. Vielleicht war ich damals (2000) noch zu nahe an der Zeit des Buches (1995) dran.

Barcelona, 27. März 2019

Im Flugzeug “Väter und Söhne” gelesen. Der letzte Satz fiel ziemlich genau mit der Landung zusammen. Der junge Nihilist stirbt am Schluss. Dem Tod des Helden war der Tod seines Nihilismus vorausgegangen. Trotzdem hatte er daran festgehalten. Das zog ihn (zumindest symbolisch betrachtet) in den Tod. Seinen Ansichten zum Trotz, bestatten ihn die Eltern religiös.
Gestern begann ich auch mit “Sexistence” des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy. Es war für mich fast gänzlich unverständlich.
Nun: “Die Angst vor den anderen”. “Ein Essay über Migration und Panikmache” von Zymunt Bauman. Der Titel hört sich sehr deutsch-doktrinistisch an. Der Autor hätte das hässliche Wort “Panikmache” wohl kaum gutgeheißen. Eleganter im englischen Original: “Strangers at Our Door”.

Frankfurt 26. März 2019

Turgenjews „Väter und Söhne“: Die Geschichte eines Zeitwandels, also einer Zeit, in welcher die Väter die Welt ganz anders sehen, als die Söhne. (Über Mütter und Töchter dachte man damals noch nicht viel nach. –– Nachtrag: Ein paar Tage später lese ich allerdings, dass der russische Originaltitel des Buches “Väter und Kinder” hieß.) Das letzte Mal, dass wir im Westen so einen Zeitwandel durchlebten, war in den sechziger Jahren. Seither haben die Söhne nicht mehr gegen die Väter rebelliert. Die nächste Trennlinie ist vielleicht die technologische Revolution, doch scheint sie Generationen nicht wirklich zu trennen.
Der Roman spielt in der Zeit der großen Umbrüche in Russland. Erste sozialistische Ideen; Landwirtschaftsreform; Freilassung des Gesindes … Der Sohn ist ein Nihilist, lehnt also alle Werte und Autoritäten ab. Nur das Praktische ist ihm Maßstab. Der Vater ist ein „Romantiker“; ihm sind die Kunst und die Natur, aber auch die althergebrachte Ordnung wichtig. Der Sohn lehnt das alles ab. Die Natur sei naturwissenschaftlich zu verstehen; die Kunst nach ihrem praktischen Wert zu beurteilen; die Ordnung nur zu akzeptieren, wo sie ihm praktische Vorteile verschaffe.
Ich stecke genau in der Mitte des Buchs. Der Nihilismus des Sohnes beginnt zu wanken.

Gestern ein zufälliges Treffen mit einer alten Freundin an der Konferenz, sowie ein gutes, amüsantes und somit angenehmes Abendessen mit Kunden.

Frankfurt, 25. März 2019

So kommt mir das Zentrum von Frankfurt vor (wo ich schon sehr oft war, kumuliert monatelang, ohne die Stadt wirklich kennengelernt zu haben): Hebt man den Blick in die Höhe wähnt man sich in einer grauen Arbeitslandschaft. Überall bohren sich Bürotürme in den Himmel. Banken und andere Arbeitgeber, welche ihren Angestellten im Tauschgeschäft für deren Zeit zu relativem Wohlstand verhelfen. Mittendrin steht auch das riesige Messegelände. Diesem „oberen Stockwerk“ der Innenstadt steht eine Sekundärinfrastruktur zur Verfügung, bestehend aus Restaurants, Hotels und Coffeeshops. Es gibt aber auch die unteren Etagen: Einfache Wohnblöcke, billige Imbisse, Wettbüros. Es ist ein zweigeteiltes Zentrum, welches an amerikanische Städte erinnert, nicht nur wegen der Wolkenkratzer.
Am Sonntag sind die Straßen tot. Die wenigen Passanten unterhalten sich in vielen verschiedenen Sprachen, vor allem arabisch. Teure Autos brausen vorbei.
Die Fußgängerzone ist so unpersönlich, dass man sich nicht an sie erinnern kann. Es gibt nichts, woran sich das Gedächtnis festklammern könnte. Sie glänzt aber mit einigen teuren Läden.