Madrid, 22. Mai 2018

Schon seit einiger Zeit trinke ich meinen Kaffee in der Cafeteria des Altersheims gegenüber von P.’s Kindergarten. Er kostet nur 60 Cents. Außerdem ist sie, mit Ausnahme des VIPS, das einzige zu Fuß erreichbare Café. Und am wichtigsten: Es ist ein starker Kaffee. Ich trinke ihn im Glas mit heißer Milch, aber das Glas nur zu zwei Dritteln gefüllt. Obwohl ich jeden Tag dasselbe bestellen, muss ich es der freundlichen jungen Dame hinter der Theke immer stets von Neuem erklären. Heute saß ich zum ersten Mal dieses Jahr draußen. Ich las Jungs Mandala-Buch – bin fast damit fertig. Aus der Konklusion: ” … [so] ist man zur Feststellung gezwungen, dass jenseits des Bewusstseins eine dem Individuum unbewusste Disposition von sozusagen universaler Verbreitung vorhanden sein muss, eine Disposition nämlich, die zu allen Zeiten und an allen Orten im Prinzip die gleichen oder wenigstens sehr ähnlich Symbole zu produzieren vermag. Da diese Disposition dem Individuum in der Regel unbewusst ist, habe ich sie als das kollektive Unbewusstsein bezeichnet und postuliere als Grundlager der symbolischen Produkte desselben die Existenz urtümlicher Bilder, der Archetypen.”

All good

Wenn ich ein paar Nächte hintereinander zu wenig geschlafen habe, beginne ich mich unwohl zu fühlen: energielos, mit leeren Batterien, wie man so sagt. Diesem Zustand wirkt manchmal, unter den richtigen Umständen (die nach Belieben herbeizuführen, ich nicht immer in der Lage bin) der Zuschuss positiver Hormone – Adrenalin, Serotonin, Dopamin, etc. – entgegen, welcher mich in einen Drogenrausch-ähnlichen Zustand der  benebelten Euphorie vernetzt.

Am Donnerstag vor einer Woche nun litt ich unter ein paar akkumulierten schlafdefizitären Nächten und erwähnten Nebenwirkungen, weshalb ich, als ich mit meiner Arbeit fertig war, versuchte, den erwähnten Hormonausstoß herbeizuführen. Ich entschloss mich deshalb, nachdem ich mir der dafür zu Hause notwendigen Unterstützung versichert hatte, zum Kinobesuch. Dazu muss ich sagen, dass das Kino für mich eine Art Tempel ist. Ein Besuch desselben kann, wenn alles gut läuft, wünschenswerte Auswirkungen auf meinen Hormonhaushalt haben.

Am letzten Donnerstagabend aber lief nicht alles gut. Als ich in der Metro saß – welche von korrupten spanischen Lokalpolitkern extra dafür gebaut wurde, um mich aus meiner recht guten Stube innerhalb einer halben Stunde in meine Kinos im Stadtzentrum zu befördern (und erstaunlicherweise handelt es sich um die beste Metro Europas) – und dort mein Buch zur Hand nahm, fiel dieses auseinander. Obwohl es sich in meinem Rucksack in einer speziellen Büchertüte befand (damit es schön bleibe), war es tropfnass. Die Seiten klebten zusammen; der Einband war aufgequollen und drohte zu zerreißen; auf dem Schutzumschlag vermischten sich die Farben des abgedruckten Goya (zumindest behauptet meine Frau, es handle sich um einen Goya). Zwar hätte ich “Tyll”, wenn ich es trocknen lassen hätte, vermutlich noch fertig lesen können, aber der Anblick des zerstörten Buches tat mir im Herzen weh, weshalb ich mich seiner an der Plaza de España entledigte, während ich bereits auf der Fahrt dahin ein Neues bestellt hatte (manchmal ist Amazon eben doch praktisch, auch wenn man Buchhandlungen bevorzugt). Natürlich trug dieses Unglück, verursacht von einer nicht zweckmäßig verschlossenen Wasserflasche, nicht zur Produktion von Glückshormonen bei.

Im Kino selbst folgte Unglück Nummer zwei. Da ich es nicht oft genug ins Kino schaffe, schaue ich mir normalerweise nur Filme an, über die ich einiges gelesen habe, oder die es die aufgrund anderer Qualitäten (Regisseur, Oscar, Globe, Löwe, Bär, usw.) auf meinen Radarschirm geschafft haben. Am Donnerstagnachmittag aber hatte ich ganz spontan Karten für einen französischen Film gekauft, über den ich, entgegen meiner Gewohnheit, nur wusste, dass es um einen Schauspieler in meinem Alter geht, der sich wegen unhöflicher Anspielungen einer halb so alten Schauspielerin, mit welcher er einen Film dreht, alt und uncool zu fühlen und sein Leben auf den Kopf zu stellen beginnt. Ich wollte den Film unbedingt sehen. Wer weiß weshalb? – eigentlich unerklärlich. Bereits nach wenigen Minuten wusste ich aber, dass ich einen Fehler begangen hatte. Trotz Starbesetzung wurde mir seichter französischer Humor aufgetischt. Nach ein paar Minuten, noch früh im ersten Akt, brachte der Schauspieler seinen Sohn in den Kindergarten und merkte dort, wie er (ein Star) dabei heimlich fotografiert wurde, was ihm gar nicht passte, da er nicht “als Vater der seinen Sohn in den Kindergarten bringt” gesehen werden wollte. A tomar por el culo, dachte ich und beschloss, mich in einen anderen Film zu setzten.

Draußen schlich ich durch die leeren Kellergänge des Cines Renoir. Aus allen Sälen drangen Kinogeräusche. Ganz leise Spannungsmusik, dann laut, laut, laut (ein Horrorfilm). Oder intensives Geflüster. Gefühlvolle Musik. Eben jene besondere Atmosphäre in den verlassenen Gängen eines Kinos, während auf allen Leinwänden Vorstellungen im Gange sind. Normalerweise kennt man diese Atmosphäre nur, wenn man vor dem Kino zu viel getrunken hat (oder im Kino trinkt) und mitten während des Films aufs WC muss. Für mich war die Erfahrung also neu (fast neu, oder besser gesagt: eine ferne Erinnerung).

Leider waren die atmosphärischen Gänge aber nicht ganz verlassen. Überall schlichen sich Blaugekleidete herum. Nicht punk motherfuckers with a badge and a gun, sondern Kinoangstelle. Vor dem Saal, den ich ansteuerte (I, Tonya), standen gleich zwei dieser Gestalten, was den geplanten Filmwechsel unmöglich machte. Oder nicht unmöglich: Ich hätte zumindest ein Fünfzig-Prozent-Chance gehabt, hineingelassen zu werden, wenn ich nett gefragt hätte, aber den Kinogeräuschen nach zu schließen, befand die Geschichte sich bereits am Wendepunkt des ersten Aktes. Ich war definitiv zu spät dran.

Ich stieg also die Treppe hoch, um mich zu erkundigen, ob ein Film außerhalb der üblichen Stunden (Beginn zwischen 1800 und 1830) lief. Vielleicht ein überlanger Film. Im Renoir Princesa fand ich keinen; auch nicht im Golem – auf der anderen Seite der Fußgängerunterführung mit dem immer schlecht besuchten deutschen Restaurant, welches einmal eine Kegelbahn hatte, die in den 90er Jahren beliebt gewesen sein soll  –  dafür aber im Renoir Plaza de España. Kein überlanger Film, sondern ein sehr kurzer. The Party von Sally Potter.

The Party ist ein englischer Film, der sich in Echtzeit in einem Haus abspielt. Theaterkino. Gute Schaupspieler – mit von der Party ist unser Bruno Ganz, der Welt als Hitler in Erinnerung geblieben, aber in der Party einen langweiligen alten Hippie darstellend, der über die Selbstheilungskräfte des Körpers und ähnliches faselt. Es geht trotz des Titels nicht um eine Party, sondern um eine Einladung zum Abendessen – eine dinner party. Diese findet im Haus einer Politikerin statt, welche soeben zur Schattenminister für das Gesundheitswesen ernannt worden ist. Dieser Umstand soll mit ein paar Freunden gefeiert werden. Unser Bruno ist einer dieser Freunde. Dazu kommen ein kranker Ehemann, eine nervende gender-study Professorin und ein paar andere Langweiler. Kermode, dem ich vertraue, auch wenn unser Geschmack nicht immer derselbe ist, fand den Film gelungen, mir hat er nicht gefallen. Auch wenn die Darsteller tatsächlich Gelungenes geboten haben mögen, habe ich doch besseres zu tun, als mir siebzig Minuten lang much ado about nothing anzuschauen. Trotzdem blieb ich sitzen, da ich ja eigentlich das Kino nie frühzeitig verlasse. Oder nur ganz selten, bei ganz blöden französischen Komödien.

Die Mission meine schlechte Stimmung zu vertreiben, war als auf ganzer Linie gescheitert. Ein kaputtes Buch, ein sehr schlechter Film und einer der mir gleichgültig war. Ich fuhr wieder nach Hause. Beim Einschlafen dachte ich: not a factor. All good.

Helden ohne Bösewichte

Spieglein.jpg

Adolf Muschg ist mir seit Jahrzehnten ein Begriff. Als ich ein Kind war, saß er in gelehrten TV-Runden und referierte über allerlei Themen. Muschgs Ansichten waren, wenn ich mich richtig erinnere, “branchenüblich”, wie man sie halt von einem Intellektuellen erwartete: die Schweiz muss sich gegen Europa hin öffnen, Einwanderung als Chance für unser Land und so weiter. Wenig kontrovers, aber durchdacht und sprachgewandt vorgetragen. Mich beeindruckte damals, dass Muschg auch im deutschen Fernsehen zu deutschen Themen seine Meinung äußerte. Es muss sich bei ihm um einen bedeutenden Intellektuellen handeln, dachte ich immer. Im Dorf wurde manchmal die Frage gestellt, weshalb einer, nur weil er Berufs wegen Geschichten erfinde, glaube, alles besser zu wissen und zu dies und jenem seinen Senf dazugeben zu müssen, aber irgendwie waren wir doch stolz auf unseren Muschg, der mit Schweizer Akzent den deutschen ihre Politik erklärte. (Immerhin war er kein “Nestbeschmutzer” wie Jean Ziegler, der andere TV-Intellektuelle mit Ausstrahlung über die Landesgrenzen hinaus.)

Unter dem Bild Muschgs stand jeweils “Schriftsteller”, aber über seine Bücher wusste man wenig, sie wurden selten besprochen. Über Dürrenmatt, Frisch und auch Bichsel hörte man an der Schule – sie waren auch Nichtlesern ein Begriff. Muschg aber kannte man nur als Gesicht aus dem Fernseher.

Nun, dreißig Jahre später, hab ich also meinen ersten Muschg gelesen. “Eikan, du bist spät”, ein zufällig in der Gebrauchtbuchhandlung der deutsch-evangelischen Gemeinde in Madrid gekauftes Buch.

Es geht um den Cellisten Andreas Leuchter und seine Beziehung zu Sumi, einer Japanerin, die ebenfalls Cello spielt. Das Buch besteht eigentlich aus zwei Teilen: Im ersten wird die relativ kurze Zeit beschrieben, die Andreas mit Sumi verbringt und die mit dem mysteriösen Verschwinden seiner japanischen Freundin endet; für den zweiten Teil springen wir fünfzehn Jahre nach vorn: Andreas erhält von Sumi ein Zeichen (er wird in die Jury eines Cello-Wettbewerbs eingeladen) und reist nach Japan. Ob es zur Wiederbegegnung kommt, soll hier nicht verraten werden.

“Eikan” ist ein Buch über ein Künstlerleben und die Klippen und Brüche in einem solchen (im zweiten Teil des Buches ist Andreas nicht mehr Musiker sondern Musikstudio-Besitzer), ein Buch über Japan (Muschg ist eine Art Japan-Spezialist) und auch ein Liebesroman (Muschg ist in dritter Ehe verheiratet – mit einer Japanerin versteht sich). Muschgs Liebe zur Sprache und seine Bildung (es gab neben dem Intellektuellen und dem Schriftsteller Muschg auch noch Prof. Muschg welcher an der ETH angehenden Ingenieuren deutsche Literatur näher brachte – kein Job um den man ihn beneidetete, ungefähr mit unserem Philosophen an der HSG vergleichbar) – Muschgs Liebe zur Sprache und seine Bildung also glänzen auf jeder Seite wie Tau auf der Wiese im Morgenlicht. Dieser schöngeistige Nimbus in Verbindung mit meinem Interesse für die Themen des Buches sorgten dafür, dass es mir gut gefiel. (Ich habe mir Muschgs neustes Buch bereits vorgemerkt – es geht um zwei Bergwanderungen im Wallis: eine unternommen vom Schreibenden selbst, die andere von einem gewissen Goethe.) Ein breites Publikum hat aber “Eikan” wohl nicht gefunden. Zwar entwickelt die Handlung eine gewisse Spannung (Wiederbegegnung oder nicht), sie ließe sich aber, um mit David Mamet zu sprechen, ungefähr so zusammenfassen: mildly interesting things happen to mildly interesting people. Wer erzählerisches Adrenalin sucht, kommt nicht auf seine Rechnung. Wer Geschichten mag, in denen etwas Großes auf dem Spiel steht auch nicht.

Eins ist mir noch aufgefallen. Etwas, dass mir in literarischen Büchern öfters auffällt: Der “Held” – also der Cellist Andreas Leuchter – stand sich selbst im Weg. Es gab keinen Bösewicht; der berühmten Antagonist des Dramatikers, der gegen einen schrecklichen Drachen ins Feld ziehende Held der Mythen fehlte. Leuchter legt sich alle Steine selbst in den Weg. Er trinkt zu viel; tut was er es unterlassen sollte; unterlässt was er es tun sollte. – Warum sind Protagonisten, die sich selbst Steine in den Weg legen so beliebt in der „ernsthaften Literatur“? Warum denkt man manchmal for God’s sake, just sort yourself out! (um es mit Jordan Peterson zu sagen). Sort yourself out und die Geschichte ist zu Ende.

Vielleicht ist der Grund dieser wiederkehrenden Selbstsabotage literarischer Helden darin zu suchen, dass es sich bei den Autoren fast immer um gebildete, weiße, westliche Männer handelt, Vertreter einer Bevölkerungsgruppe also, denen niemand Steine in den Weg legt. Menschen die es gewohnt sind, widerstandslos zu leben. Und weil es Steine und Hindernisse und Gegner und Bösewichte braucht, um eine Geschichte zu erzählen, wird dem Held ein Dämon auf die Schulter gesetzt.

Googlekratie

Mein Freund D. ist, was Big Brother anbelangt, vorsichtig – um es Milde zu sagen. Er hat über die NSA gelesen, “Snowden” gesehen, usw. Er glaubt, wir würden ständig überwacht und das behagt ihm gar nicht. Man kennt solche Menschen: Sie kleben die Kamera ihres Computers zu, meiden Google und searchen auf DuckDuckGo; sie löschen ihr Facebook-Konto und haben die Ortungsdienste für alle Apps auf ihrem Mobiltelefon permanent deaktiviert. Manchmal sprechen sie davon, ihr Smartphone wieder gegen ein Nokia einzutauschen. Kurz gesagt: D. hinterlässt so wenig digitale Spuren wie möglich.

Vor einigen Tagen trafen wir uns und, damit wir ihn und seine Familie fänden, stellte er kurz den Ortungsdienst auf seinem Handy ein und schickte mir seine Location per WhatsApp. Seine Präsenz im digitalen Raum dauerte ein paar Minuten, dann trafen wir uns und er verabschiedete sich wieder aus dem Netz. Später bestellten wir bei mir zuhause Pizza. Ich bestellte sie mit meinem Computer über mein Wifi.

Am nächsten Morgen, als D. online Zeitung las, wurde er mit Werbung von jenem Pizza-Lieferdienst bombardiert, bei welchem wir am Vorabend bestellte hatten.

Wie hat Googles Algorithmus diese Verbindung hergestellt? Die WhatsApp-Map sieht etwas anders aus, als Google Maps, aber es könnte sein, dass WhatApp Googles Map Services in Anspruch nimmt, oder einfach dass die beiden Firmen Information austauschen. Auf alle Fälle wusste Google, dass D. mir eine Location geschickt hatte, oder dass wir uns zumindest für kurze Zeit am selben Ort befanden. Alles andere hat Google sich selbst zusammengerechnet. Vielleicht hat Google aufgrund der Tatsache, dass ich zwei Familienpizzen bestellt hatte, den Schluss gezogen, dass wir nicht alleine waren und dass mit höchster Wahrscheinlichkeit D. und seine Familie unsere Gäste waren. Wie dem auch sei: Google weiß nicht nur, was wir ihnen durch Suchanfragen oder die Inanspruchnahme anderer Dienstleistungen mitteilen, sondern sie kombinieren alle möglichen Daten, um unser Leben zu berechnen.

Dystopie? Oder sieht so die Demokratie der Zukunft aus? Man stelle sich “einen Algorithmus” vor, von dem wir uns freiwillig beobachten lassen, genauso wie Google und Facebook das bereits heute tun, aber viel umfassender. Er (“der Algorithmus” in Kombination mit einer hack-sicheren Blockchain-ähnlichen Technologie) wird uns besser kennenlernen, als wir uns selbst kennen. Er wird sich weder von Instinkten noch von Ängsten und Hoffnungen leiten lassen, sondern unser Leben nüchtern betrachten und zu rationalen Entscheidungen in unserem besten Interesse fähig sein. Dieser Algorithmus wird – so das digital-utopische Gedankenexperiment – zu unserem ganz persönlichen digitalen Parlamentsabgeordneten. Das heißt, er verhandelt für uns mit allen anderen persönlichen Algorithmen aller anderen Bürger des Landes. In der digitalen Welt wäre eine Entscheidungsfindung zwischen Millionen von Abgeordneten durchaus möglich. Nicht Lobbys oder Populisten würden bestimmen, sondern das Interesse jeder Bürgerin und jedes Bürgers stünde im Zentrum der “Debatten”.

Schockiert? Weshalb? Unser Demokratie-Algorithmus wäre doch eigentlich nur ein etwas kompliziertes GPS welches, sämtliche Verkehrsinformationen in Anspruch nehmend, den schnellsten Weg von A nach B für uns findet. Oder ist der Abgeordnete XY von der Partei Z wirklich der geeignetere Vertreter unseres Willens?

Unsere Zukunft wird entweder digital oder sie wird gar nicht. Ob dystopisch oder utopisch wird sich zeigen. Vermutlich weder noch, sondern sowohl als auch. Und vielleicht wird die neue Grenze zwischen dem “globalen Süden und dem globalen Norden” die Trennlinie zwischen digitaler Utopie und digitaler Dystopie sein.

 

Three Billboards, Mary Magdalena und Annihilation

Leinwand

Ich war drei Mal im Kino. Zweimal in meinen Lieblingskinos an der Plaza de España (Golem bzw. Renoir) und einmal in Abels Heimkino hoch über Madrid, im elften Stock eines auf dem höchsten Hügel der Stadt gelegenen Wohnblocks.

„Annihilation” sah ich bei Abel. Alex Garlands neuer Science-Fiction-Film hatte in Spanien keine Kino- sondern eine Netflixpremiere. Abel meinte, das sei kein gutes Zeichen, aber Garland hatte sich bereits als Drehbuchautor von „28 Days Later”, „Sunshine” und „Never Let Me Go” und seines eigenen Regiedebuts „Ex Machina” (2015) ausgezeichnet. Ich hatte also trotz der Netflixpremiere einige Erwartungen an “Annihilation”.

„Annihilation” adaptiert zwar einen Roman von Jeff VanderMeer für die Leinwand (ich habe nichts von VanderMeer gelesen; mein Vorsatz, dieses Jahr SF zu lesen, trägt noch wenig Früchte), aber Garlands Vorbild war offensichtlich „2001 Space Odyssey”. Wie Kubricks Meisterwerk und andere große SF-Filme (man denke an Tarkowski und sogar „Metropolis”) nimmt uns „Annihilation” mit auf eine Reise in eine unbekannte Welt, deren Regeln man nur ganz allmählich zu verstehen beginnt. Mehr als die Handlung und die Logik sind es die Bilder, welche uns in ihren Bann ziehen. Bei „Annihilation” handelt es sich um eine Entdeckungsreise in ein Stück Land im Süden der USA, welches militärisch abgesperrt wurde, weil dort Merkwürdiges geschieht. Eine Art Schimmer liegt über den verlassenen Sümpfen und Urwäldern und alle bisherigen militärischen Expeditionen in die gesperrte Zone hinein sind spurlos verschwunden. Wir folgen im Film vier Frauen, der ersten nicht militärischen sondern rein wissenschaftlichen Expedition, in dieses merkwürdige Gebiet. Dort begegnen wir mutierten Pflanzen und Tieren. Irgendeine Kraft scheint Lebensformen zu kopieren und mit anderen zu verbinden und dadurch eine Art von lebenden Collagen zu schaffen, welche zwar sprießen und blühen, aber aus menschlicher Sicht unverständlich bleiben und keiner Logik folgen. Bekanntes löst sich auf um sich als Unbekanntes wieder zu konstituieren. Die vier Wissenschaftlerinnen bleiben von dieser Kraft nicht verschont: auch sie beginnen im chaotischen Wuchs ihren inneren und äußeren Zusammenhalt zu verlieren.

Das hört sich für mich eigentlich alles sehr interessant an, aber der Film ließ mich trotzdem kalt. Ich habe nie – weder auf intellektueller noch auf intuitiver Ebene verstanden – worum es eigentlich ging. Die Bilder taten ihre Wirkung nicht. Das mag auch daran gelegen haben, dass ich zwei der vier Protagonistinnen klischeehaft fand, eher in einen konventionellen Film passend, als in ein Werk mit avantgardistischen Ansprüchen. Vielleicht fanden die Filmemacher, dass man mit einem fortschrittlichen Diversitätskonzept diesen Ansprüchen Genüge getan habe: alle Heldinnen sind Frauen – das sieht man wirklich nicht oft. Leider aber genügt dieses progressive Casting nicht, um uns für die Figuren warm werden zu lassen.

Auf dem Heimweg in der Metro überflog ich ein paar Kritiken. Man gibt sich begeistert, aber auch die wohlmeinenden Kritiker bleiben in ihren Ausführungen sehr vage – so vage, dass man den Schreibenden nicht immer glaubt, ob sie den Film wirklich so sehr mochten, oder einfach dachten, sie müssten ihn lieben.

Auch „Mary Magdalene” beeindruckte mich nicht sonderlich. Während man aber in „Annihilation” im Dunkeln tappt, wird bei „Mary” schnell klar, was die Filmemacher im Sinne haben. Maria Magdalena war eine Apostelin … sagt man das? Vielleicht nicht, denn mehr als zweitausend Jahre lang gab es nur Apostel. Auf alle Fälle wurde Maria Magdalena erst im Jahre 2016 zum Apostel benannt. Vorher galt sie einfach als Prostituierte, die Jesus folgte und das obwohl sie die erste war, der Jesus nach seiner Auferstehung vom Grab begegnet war. Der Film hat sich also vorgenommen, diese Korrektur, welche per päpstlichem Bulletin vorgenommen worden ist, einer weiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Kurz gesagt geht das so: Peter und die anderen Apostel glauben, dass Jesus gekommen sei, um die weltlichen Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen (sprich: die römischen Besetzer zum Teufel zu jagen), während seine Jüngerin Maria begreift, dass der Herr vom Königreich im Innern spricht. Nach dem Kreuztod des Messias glauben die Jünger, welche wütend sind, dass der Auferstandene sich zuerst einer Frau gezeigt hatte, dass sie ausziehen müssten, um das Wort Jesus auf disziplinierte und organisierte Art und Weise in die Welt hinauszutragen (sprich: die Kirche zu gründen), während Maria aufbricht, um eben jenes Königreich in sich selbst zu finden und es durch ihr Leben in der Welt leuchten zu lassen. Ich finde diese Neuinterpretation von Maria Magdalena zwar im Ansatz gelungen, sie kommt aber leider viel zu seicht daher. Ich bevorzuge die Maria aus „The Last Temptation of Christ” – und auch Scorseses Christus hat es mir mehr angetan.

Der dritte Film gefiel mir am besten: „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri”. Von der Handlung möchte ich nicht viel verraten. Es geht um einen unaufgeklärten Mord an einem Mädchen in Ebbing, Missouri und eben drei Reklametafeln außerhalb jener Kleinstadt, auf welchen die Mutter der Vergewaltigten und Ermordeten, das Polizeidepartment anklagt, die Ermittlung nicht ernst genug zu nehmen. Wie bei den anderen beiden Filmen haben wir es also wiederum mit einer Heldin zu tun, in der für mich eindrucksvollsten weiblichen Hauptrolle der drei Filme. Frances McDormand hat für ihre Darstellung einer kämpfenden Mutter den Oscar gewonnen.

Frances McDormand … das läßt einem an die Coens Brothers denken, und tatsächlich erinnert der Film an „Fargo”. Der Regisseur Martin McDonagh ist ohne Zweifel ein Nachfolger der Coens. Ich mag McDonagh, welcher sich zunächst als sehr erfolgreicher Theaterautor einen Namen gemacht hatte, schon seit seinem ersten Film „In Bruges”. Seine Filme sind unvorhersehbar. Wir haben gewisse Erwartungen, wie Filmgeschichten sich zu entwickeln haben. So wissen wir zum Beispiel bei fast allen Filmen, wie sie ausgehen werden (gut) und ob sich die Heldin für jenen Mann, den sie am Anfang nicht mag, der aber im Grund ein gutes Herz hat, doch noch erwärmen wird (ja). Nicht so bei McDonagh. Man weiß nie, woran man ist. Gewisse Storylinien brechen abrupt ab, oder laufen einfach ins Leere. Erwartungen werden nicht erfüllt. Oder besser gesagt: Nicht immer. Das Gute gewinnt nicht – oder nur manchmal.

Der Titel macht einem Glauben, dass es sich bei „Three Billboards” auch um einen Film über Amerika handele – doch dem ist nicht so. Amerika ist für McDonagh das neue Irland. Als Kind irischer Einwanderer in London geboren, hatte er sich als der irische Dramatiker gestylt. All seine Stücke spielten in einem streit- und trinksüchtigen Irland, welches aber (gemäß meinem irischen Freund James) fast gar nichts mit dem eigentlichen Irland gemein hat. Genauso verfährt McDonagh mit Amerika. Amerika, seine Sprache und Klischees dienen McDonagh als Rohmaterial, nicht um amerikanische Geschichten zu erzählen, sondern um über das Leben selbst zu schreiben. Leben, wie es irgendwo stattfinden könnte. Dramatisches Leben voller Unvorhersehbarem, Gewalt und Hass. Viel Pech – aber manchmal auch Glück und Liebe. Über „Billboards” sollte man nicht zu viel lesen, sondern sich einfach hineinsetzen und überraschen lassen.

[Bild: Abel, welchem “Annihilation” nicht gefallen hat, lässt die Leinwand noch während der von “2001” inspirierten Schlusssequenz bereits wieder hochfahren.]