Madrid, 14. Februar 2019

Schon seit Wochen ist es kalt und sonnig, aber es fehlt der Regen. Am Morgen im „Amigos“ einen Kaffee getrunken: sólo, en vaso pequeño, largo de café. Dazu „The Double“ von Dostojewski gelesen. Am Ende des fünften Kapitels begegnet der Held seinem Doppelgänger. Bis dahin geschah auf fünfzig Seiten wenig, trotzdem wird man mitgerissen. Wir folgen dem russischen Staatsbeamten Golyadkin einen Tag lang durch das Sankt Petersburg des Zarenreichs. Er kriegt nichts auf die Reihe, macht sich dann auf einem Ball, zudem er nicht eingeladen ist, lächerlich. Nun erscheint ihm sein zweites Ich.

Kontrolle

[Modern power relations:] “open violence and coercion have been replaced by an exercise of power that relies on detailed knowledgee of citizens, and long-term intervention intended to correct behaviour. […] For Foucault, this hisft from physical punishment to monitoring, measuring, and behavior-corrections marks the beginning of modernity.” [Aus Macat Analysis: Michel Foucault’s Discipline and Punish]

In der Hypermodernität geht die Kontrolle einen Schritt weiter. Wer vom liberalen Konsensus abweicht, wird nicht mehr zur Korrektion gezwungen, sondern ins System integriert. Abweichler werden als Teil des Systems akzpetiert, solange sie sich als anti-liberal oder anti-irgendetwas deklarieren und somit klassifiziert werden können. Wer sich nicht selbst anklagt und zur Klassifikation zur Verfügung stellt, wird vom System auf den Pranger gestellt und klassifiziert. Klassifizierte Abweichler kommen dem System gelegen: sie dienen als Clowns, Feinde, schlechte Beispiele, aber auch als Beweise für die Systemtoleranz, welches den Dialog zulässt; Abweichler werden auch bedient (als Konsumenten) und nur im Extremfall zerstört.

Subversiv sind nur nicht-klassifizierte Abweichler, solche, die erfolgreich vorgeben mitzuspielen.

Estland 4

Gestern zum Abendessen “New Nordic” cusine: zur Vorspeise Elchtartar, zum Dessert ein Glas hausgemachten Birnenschnaps. Dazu Gespräche unter anderem über online Games. Fortnite, ein bei Teenagern beliebtes Spiel, ist gratis. Trotzdem setzt es Millionen um: vorwiegend durch den Verkauf von virtueller Mode. Vor Kurzem trafen sich Fortnite-Player zu einem Konzert, natürlich im Game, aber der DJ war echt. Die Grenzen zwischen Körper und Sein verschwinden – und das ist erst der Anfang. Vorstöße in die virtuelle Welt sind auch für den Philosophen notwendig.

Estland 3

Gegen neun Uhr an einem Samstagmorgen sitze ich in einem Café an der Rüütli-Straße in Tartu. (Rüütli heißt Ritter.)

Gestern sind wir bis in die frühen Morgenstunden in der Stube gesessen. Um zehn Uhr traf Kristina aus Tallinn kommend mit zwei weiteren Gästen im Schlepptau ein. Ich hatte sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Sie hat sich überhaupt nicht verändert, außer dass Sie jetzt Rektorin einer Universität und Politikerin ist. Ich würde sie bedenkenlos wählen. Sie sieht Politik als Dienstleistung am Land, am Ort, an dem man lebt, den man mitgestaltet. Politik ist zivilisiert hier in Estland – im Gegensatz zu Spanien, wo die Lager sich bitterfeind sind. Der große Feind kam und kommt in Estland von außen: Die Bedrohung aus Russland vereint das Land. In Spanien saß und sitzt der Feind im eigenen Land; Politik wird zum Kampf um Ressourcen.

Wir sprachen unter anderem über Infrastruktur. In Estland ist der öffentliche Verkehr billig und stark subventioniert. Dies hängt auch damit zusammen, dass Estland es sich nicht leisten kann, dass Tallinn zum Wasserkopf wird und sich Teile des Landes, vor allem der Osten, entvölkern. Die weiten Wälder an der Grenze zu Russland müssen bewohnt sein. „Sonst verteidigt niemand unser Land, wenn die Russen wieder angreifen“, sagt Kristina. Zum Zwecke der Verteidung der eigenen Stadt und der eigenen Region existiert hier neben der regulären Armee eine große, territoriale Milizarmee, deren Truppen auf die Verteidigung der eigenen Stadt und Region spezialisiert sind. Es überrascht mich zu hören, dass ein russischer Angriff hier eine echte Sorge ist. Aber die Estländer haben ihre Geschichte; und die Bedrohnung ist real. Nur die NATO verhindert eine erneute Okupation. Und natürlich ist die NATO-Stabilität relativ. (Oft lassen wir uns von der angeblichen Stabilität täuschen, da unser Leben schneller dahinfliesst, als die Verhältnisse sich verändern. Zumindest in ruhigen Zeiten. Doch hat man immer öfters das Gefühl, dass der Lauf der Dinge an Tempo zunimmt. Die rasende Technologie bringt die Welt auf Trab, so dass sie sich immer schneller dreht; schneller als unser Leben.)

Gestern waren wir in einer russischen Sauna. Sie wurde zu Sowjetzeiten gebaut; unterdessen hat man sie renoviert. Es gibt Badehäusern, wie man auf Russisch sagt: eins für Männer und das andere für Frauen. Die Männeranlage besteht aus einer Umkleidekabine, aus einem großen Waschraum und natürlich aus der Sauna, die im Vergleich zum Waschraum nicht sehr groß ist. Sie besteht aus Holzbänken auf drei Stufen. Höchstens ein Dutzend Männer haben darin Platz. Der Waschraum, ein hoher, rechteckiger Raum ist viel größer, fast so gross wie eine kleine Turnhalle. Auf der einen Seiten befinden sich die Duschen, welche durch Abschrankungen voneinander getrennt, aber nach hinten offen sind. Ansonsten stehen im ganzen Saal Steinbänke, welche je zwei Personen Platz bieten. Sie sind regelmäßig über den ganzen Raum verteilit wie Schulbänke. Ich habe sie nicht gezählt, aber es sind ungefähr vier in der Breite und zwölf in der Länge. In der Umkleidekabine erhält jeder Besucher ein Waschbecken. In dieses legt man Seife, Schwamm, Rasiermesser und so weiter und stellt es dann auf eine freie Bank im Waschraum. Viele Männer haben auch getrocknete Birkenäste dabei, mit denen sie sich in der Saune auf die Haut schlagen. Sie peitschen auf die eigenen Arme, Beine, den Rücken und den Bauch. Sitzt man neben jemandem, der sich gerade mit den Birkenästen bearbeitet, wird man von einem heißen Luftstorm erfasst, der fast nicht auszuhalten ist. Überhaupt ist die Sauna feuchter und heißer, als moderne Saunen, wie man sie aus Fitnesszentren kennt. Ich schätzte die Temperatur auf mindestens 120 Grad; sie fühlte sich viel heißer an, als eine typische 100-Grad-Sauna. Die Birkenäste, so erklärt mir Kristina, die halbe Russin ist, schneidet man im Frühling vom Baum und lässt sie im Sommer an der Sonne trocknen, so dass sie im Winter für die Sauna bereit sind. Solche Saunas sind eine russische Tradition. Diejenige, die wir besuchten steht in einem ärmlichen Quartier der Stadt, mit alten Blöcken. Viele Russen wohnen hier. In der Saune hörte man Russisch und Estländisch ungefähr zu gleichen Teilen.

Nach mehreren Saunagängen wäscht und rasiert man sich im Waschraum. Man füllt das Becken mit heißem Wasser, setzt sich auf eine Steinbank und seift sich gemächlich von oben bis unten ein. Dabei widmet man jedem Körperteil große Aufmerksamkeit. Jeder Finger wird einzel eingerieben. Manche Männer sitzen, den ganzen Körper voller Seifenschaum, auf der Bank. Alles geht sehr gemächlich vor sich. Es wird kaum gesprochen. Ab und zu fällt ein Wort; oder man nickt einem Bekannten zu. Man sieht viele Männer einfach nur auf der warmen Bank sitzen, den Blick auf den Boden oder ins Leere gerichtet. Die Lebenszeit bleibt hier drin stehen. Der Alltag bleibt draussen.

Natürlich sind alle nackt. Man trägt auch kein Tuch um die Hüften, wenn man langsam zur Saune oder zur Dusche geht. Auch die Obsession der Fitnesssaunen, alle Sitzflächen mit einem Tuch abdecken zu müssen, kennt man hier nicht. Man setzt sich nackt auf die Bank, und in der Sauna auch aufs Holz, obwohl dieses so heißt ist, dass nur die alten Russen und Estländer es aushalten. Man sieht allerlei Körper und gewöhnt sich schnell an die vom Leben gezeichneten Füße, die hängenden Bäuche oder die haarigen Schultern. Jeder Saunabesucher wird zum Tier.

Im Waschraum wird kaum gesprochen, aber draussen in der Umkleidekabine sitzen die Männer immer noch nackt in Gruppen zusammen. Sie diskutieren auf Russisch und Estländisch und lachen. Man trinkt Bier aus großen Dosen. Mancher hat drei, vier oder fünf Dosen mitgebracht. Mir gegenüber packt ein alter Russe einen getrockneten Fisch aus. Er reißt kleine Stücke ab und stopft sie sich in den Mund. Natürlich spült er das ganze mit Bier hinunter.

Nachdem ich Obiges geschrieben hatte, auf dem Rückweg vom Café, traf ich Kristina, die unterwegs zu einer offiziellen Zeremonie war, an welcher teilzunehmen sie der Manager der Wahlkampagne gemahnt hatte. Ich begleitete sie. Es handelte sich um ein Treffen in einem Park am Fluss. Beim Denkmal eines estländischen Helden – einem großen, starken Mann mit nacktem Oberkörper und Schwert – standen zwei Soldaten in Paradeuniform; auf der Seite standen patriotische Studentenverbindungen mit Fahnen und davor eine kleine Gruppe von Politikern, Parteipräsidenten, Militärs usw. Man gedachte einem hundertjährigen Friedensvertrag mit dem bolschwistischen Russland. Die Nationalhymne wurde gespielt (und etwas zöglich auch gesungen), Kränze wurden abgelegt, Reden wurden gehalten. Ich machte ein paar Fotos von den Parteivertretern von Eesti 200 vor dem Denkmal.

Später wieder Sauna. Dieses Mal handelt es sich um ein Hausboot im Fluss, welches zur Sauna umgebaut wurde. Adrian hatte sie gemietet. Wir waren zu viert, spielten Backgammon, tranken Bier, gingen in die Saune und kletterten danach durch ein Loch im Eis in den zugefrorenen Fluss.

Estland 2

Was gibt es Gemütlicheres als im Winter in einem schönen Haus zu sitzen und Tagebuch zu schreiben, einige Arbeiten zu erledigen und Kaffee zu trinken? Im Ofen, einer Art Kachelofen, der in die Wand eingelassen ist, brennt das Feuer; über mir bläst die Klimaanlage warme Luft auf mich herunter; im Garten vor dem Fenster liegt viel Schnee. Da vorgestern die Kaffeemaschine kaputt gegangen ist, habe ich den Kaffee auf alte polnische Art gebraut. Zu kommunistischen Zeiten – so erklärte mir Adrian – machte man in Polen den Kaffee so, dass man Kaffeepulver im heißen Wasser ziehen ließ, darauf wartete, bis das Pulver sich am Tassenboden setzte und den Kaffee dann vorsichtig trank. Ich habe zusätzlich noch ein Küchensieb benutzt, um den Kaffee in eine zweite Tasse zu leeren und den gemahlenen Kaffee rauszusieben, aber ich glaube das war ein Fehler, da er nun beim Trinken nicht mehr weiter zieht und etwas wässrig geworden ist.
Gestern fuhren wir mit der Bahn von Tallinn nach Tartu. In dem modernen Bähnchen, das aus kleinen, kompakten „Regionalbahnwagen“ besteht („Ostwind“…), dauert die 200-Kilometer-Fahrt zwei Stunden. In der ersten Klasse kostet sie fünfzehn Euro. Sie führt durch unendliche, schneebedeckte Tannenwälder. Manchmal lichtet sich der Wald und man sieht ein paar Häuser mit rauchenden Schornsteinen. Die Infrastruktur ist überall modern und neu. Estland ist wie Finnland eines der erfolgreichsten Länder Europas. Weshalb? Weshalb muss man, sobald man südlich die Grenze nach Lettland überquert, in eine Lotterbahn umsteigen? Wieso gibt es hier, im Gegensatz zu anderen aus der Sowjetunion entlassenen Ländern, weder Kriminalität noch Korruption? (Man kommt sich hier wie in einer alten Schweiz vor – wie sie vor Jahrzehnten existiert haben mochte, als noch unfreundliche Grenzwächter ihre Arbeit taten und die Winter noch Winter waren – eine alte, idyllische Schweiz, die schadlos in moderne Zeiten katapultiert wurde.) Der Banker von gestern erklärt sich das durch die hervorragende estländische Genetik … Das ist wohl heute keine sehr populäre Theorie mehr. Adrian meinte, dass Estland erfolgreicher sei, als seine südlichen Nachbarn, da es atheistisch sei (nur sechs Prozent der Bevölkerung gehören einer lutherianischen Kirche an), im Gegensatz zu den Katholiken im Süden. Diese Erklärung ist vermutlich nicht ganz falsch. Protestanten sind fast überall erfolgreicher als Katholiken. Max Webers Protestantische Ethik erklärt sich dies durch die Weltbezogenheit der Protestanten, im Gegensatz zu den vom Jenseite (Himmel oder Hölle) träumenden Katholiken . Und vielleicht ist ja die „genetische Erklärung“ doch nicht ganz falsch: Die Estländer sind ein kaltblütiges finnougrisches Volk, während im Süden bereits das heißere slawische Blut waltet. (Adrian erklärte mir übrigens, dass es jenseits der Ostgrenze noch viele andere finnougrische Völker existierten, welche aber das Pech hätten, in Russland zu wohnen und nie zu eigenen Staaten geworden wären. Wikipedia bestätigt dies.)

Tartu ist ein schönes Städtchen mit 90’000 Einwohnern, dass einem aber viel kleiner vorkommt als St. Gallen. Es hat eine renovierte Altstadt, viele Neubauten, da die Rote Armee die von den Nazis besetzte Stadt bomardierte, und kleine Häuschen, wie dieses, in dem ich nun sitze. – Die Kinder sind alleine aufgestanden und zur Schule spaziert, welche natürlich gleich um die Ecke liegt. Von Adrian keine Spur – er ist vielleicht im Büro. Kristina, die Präsidentin einer neuen Partei ist (und wenn bei den Wahlen im März alles nach Plan geht, ins Parlament und die Regierung einziehen wird – man sagt, sie werde Erziehungsministerin, oder sonst Oppositionsführerin), ist auf dem Hauptquartier der Partei in Tallinn. – Ich muss noch erwähnen, dass ich gestern eine Wurst aß, welche ein befreundeter Jäger gemacht hat. Sie besteht aus Elch- und Biberfleisch. Auch einen Bär hatte er gejagt, aber Adrian war nicht sicher, ob der mit in die Wurst eingearbeitet wurde.

Lektüre: Ich habe gestern im „Three-Body Problem weitergelesen“ und über Technospiritualismus und Religion nachgedacht – dazu vielleicht später mehr. Ich habe mir auch ein interessantes Buch von Adrian angeschaut: „Iban Fadlan in the Land of Darkness“ – der Bericht eines arabischen Reisenden, der zur Jahrtausendwende den Wikingern begegnete.