Madrid, 8. Juli 2018

Heute ein typischer spanischer Sonntag im Sommer: Paella, Bier, Baden usw. in Sevilla la Nueva. Zehn Erwachsene, ein Rudel Kinder, drei Hunde und ein paar Katzen. Jetzt aber noch: Ruhe vor dem Sturm; Morgenkühle mit Kaffee und John Gray (Seven Types of Atheism). Und Nachdenken über Nietzsche. Ich verstehe erst jetzt, nach einem Monat Lektüre, dass man Nietzsche nicht verstehen kann. Nietzsche ist kein System, kein Konzept, sondern ein Gedankenstrom, ein Auf und Ab, manchmal bare Münze, manchmal in ironischer Sprache geschrieben, so dass man den Verdacht hat: das Gegenteil von dem was da steht ist gemeint. Oft sich widersprechend. Der moderne Leser ist sich dieses Stiles gar nicht mehr gewöhnt (außer vielleicht er ist durch die Bibellektüre, oder der Lektüre anderer alter Texte, geschult). Kaum jemand, der über Nietzsche schreibt, hat sich wirklich mit ihm auseinandergesetzt. Gott ist tot wird zu Tode zitiert, sonst kommt nicht viel.

Safranski schließt seine Nietzsche-Denkbiographie mit den folgenden Sätzen: Mit Nietzsches Denken kommt man nirgendwo an, es ergibt kein Ergebnis, kein Resultat. Es gibt bei ihm nur den Willen zum unabschließbaren Abenteuer des Denkens.

Das erleichtert auch: Man taucht nicht in sein Werk, um es als Ganzes zu verstehen; man lässt sich mitreißen. Schnappt nach Luft, wenn es einem schwindlig wird.

Und noch ein Nachtrag. Gemäß Gray erhielten die deutschen Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg die folgenden drei Bücher: Die Bibel, Goethes Faust und Nietzsches Zarathustra. Ob das stimmt? Aber schon die Vorstellung, dass es stimmen könnte, ist erstaunlich genug.

 

 

Madrid, 7. Juli 2018

Immer noch sind die Nächte angenehm kühl, die Tage zwar sonnig und warm, aber nicht zu heiß. Die Sommerhitze klopft nun aber an die Tür. Nächste Woche schon, so die Prognose, wird man von Schatten zu Schatten laufen um der Sonne zu entkommen, wie derjenige der im starken Regen sich fortzubewegen gezwungen ist, von Unterschlupf zu Unterschlupf um trocken zu bleiben. Das Timing stimmt aber dieses Jahr: Bereits übernächste Woche werden wir dem spanischen Sommer Richtung Norden entfliehen.

Ein Gedanke zum Verständnis der Welt: Das menschliche Denken produziert Bilderwelten, welche wir dem absoluten Fluss (Nietzsche) entgegensetzen, um diesen zu verstehen oder zumindest um unser Überleben in diesem zu erleichtern. Zu allen Zeiten wurden diese Bilderwelten mit dem Fluss selbst verwechselt, weshalb wir uns immer wieder vor Augen führen müssen, dass wir den Fluss eben nicht erkennen, sondern in ihm treiben und die Bilderwelten unsere Flöße sind, die zwar kaum zu steuern sind, uns aber vor dem Untergang retten. Man neigt dazu, Früheres als bloßes Bild zu entlarven (die alten Religionen), Neueres aber als das Wirkliche (die Wissenschaften, der Humanismus, etc.). Aber auch die Wissenschaften und der Humanismus sind nicht der Fluss selbst (das Wirkliche), sondern eben wieder nur behelfsmäßige Bilder zum Zwecke der Navigation auf demselben. Deutlich wird dies zum Beispiel durch die Quantenphysik, welche in große Tiefen vorzudringen vermag, dort aber nicht das Eigentliche findet, sondern wieder nur mit Bildern im Gepäck auftaucht. Die Aussagen: alles ist Information, wir leben in einer virtuellen Welt, vielleicht in der Computersimulation einer viel weiter entwickelten Lebensform, sind solche Bilder, welche die Realitäten der heutigen Zeit (das digitale, virtuelle Zeitalter) zu Bildern zum Verständnis des Flusses umformen.

Madrid, 5. Juli 2018

Ich arbeite und lasse nebenbei den Bachmannpreis streamen, in geringer Lautstärke, mehr aus Nostalgie als um den Lesewettbewerb wirklich zu verfolgen (dazu habe ich heute leider keine Zeit). Manchmal aber mache ich ein paar Minuten lang Pause und schaue und höre den Autoren und Kritikern zu (natürlich auch den Autorinnen und Kritikerinnen – die Geschlechterverteilung ist genau 50-50).

“Aus Nostalgie” weil ich mich daran erinnere, als Teenager an heißen Julitagen in der Stube gesessen zu haben, um mir die Lesungen und vor allem die Kritikerrunden anzuhören. Die Texte waren mir immer etwas zu gestelzt vorgekommen und hatten mich selten gefesselt (sie hatter mit den ersten Erwachsenenautoren die ich damals las, allen voran natürlich Hemingway, wenig zu tun); die Kritiker, welche die Texte oft grausam zerrissen, fand ich schon interessanter. Ich erinnere mich an einen Autoren, der zurück gebrüllt hat. Was wohl aus ihm geworden ist? Ich habe das vage Gefühl, dass es Ulrich Peltzer – heute ein Autor, den ich sehr mag – gewesen sein könnte, aber ich kann mich natürlich irren.

Jahrelang, sogar jahrzehntelang habe ich danach nicht mehr an den Bachmannpreis gedacht, aber dieses Jahr hatte ich Lust, wieder einmal zuzuhören.  Wie gesagt, habe ich heute kaum Zeit dafür, aber es ist mir doch aufgefallen, dass in den wenigen Ausschnitten, die ich in Arbeitspausen gesehen habe, alles darauf hindeutete, dass immer noch dieselben Themen durchgekaut werden, wie schon vor dreißig Jahren … Drei Mal sah ich hin: Beim ersten Mal las eine Österreicherin und es ging um ein Konzentrationslager, also natürlich um die unverarbeitete Vergangenheit der Alpenrepublik; dann eine Schweizerin: ihr Text schien von der Enge der Schweiz zu handeln (wovon sonst?); und dann sah ich das Vorstellungsvideo für einen deutschen Autoren: er wurde als Gesprächspartner zweier schwarzer Autoren ins Szene gesetzt und stellte sein Verständnis für “deren Lage” zur Schau: How does it feel when they call you African writers? (dem Briten schien die Frage peinlich zu sein), und natürlich: white privilege etc.

Das mag sich jetzt 1. zynisch anhören, ist 2. nicht fair (schließlich habe ich nur drei Mal hingeguckt), und hat 3. nichts mit der literarischen Qualität der Texte zu tun (die ich mir heruntergeladen habe – den einen oder anderen werde ich noch lesen). Es zeigt aber doch wie klein und beschränkt der literarische Zirkus ist. Immer wieder wird dasselbe besprochen; es herrscht Einigkeit. Natürlich nehmen die Kritiker immer noch kein Blatt vor den Mund und es wird gestritten, aber es geht dabei nicht um größere Fragen des Lebens, sondern um Literaturwissenschaftliches, Germanistisches, halt eben recht Banales.

Aber trotzdem, ich mag den Bachmannpreis, auch wenn er eine kleine Welt repräsentiert, viel kleiner eigentlich als jene Stachelschwein-Schweiz, auf der literarisch so gerne herumgeritten wird.

YNH

Materialistische Gurus kritischer sehen.

Ist was da an die Oberfläche gespült wird und als Bestseller monatelang im trüben Hafenwasser treibt, nicht einfach das althergebrachte Weltbild der verantwortlichen Angestellten des Buchbetriebs (Agenten, Verlagsmitarbeiter … also das Weltbild aller gebildeten, urbanen Westler: der materialistische Liberalismus) in neuer Verpackung?

Die ganze Welt (auch ich) findet, dass Yuval Noah Harari (YNH … Sogar Bundespräsident Steinmeier hat im letzthin die Ehre erwiesen) in Sapiens und Homo Deus tiefe Einsichten über die Situation und Kondition des Menschen zu Papier gebracht hat. Aber hat er das wirklich? Hat er nicht einfach das Standardweltbild konsequent zu Ende gedacht, dabei aber eigentlich nichts Neues gefunden, sondern es (das seit ungefähr der Französischen Revolution als wissenschaftlich verkaufte Weltbild) in seiner ganzen Trübheit vor uns ausgebreitet?

Madrid, 30. Juni

Fast ein Monat ist vergangen und immer noch bin ich bei den beiden Nietzsche-Büchern. Gründe: 1. Mir fehlte die Zeit für die Lektüre; 2. Der Stoff lädt nicht zum kurzweiligen Zeitvertreib ein; 3. Der Sommer ist bei uns (nach einem langen, kühlen, regnerischen Frühling): oft ist es zu heiß zum Lesen (nicht grundlos ist der global wohl bekannteste Begriff für ein “Schläfchen” ein spanischer; ich muss aber auch sagen, dass der Sommer im Gegensatz zu anderen Jahren bisher sehr erträglich ist – heute regnet es sogar ein wenig).

Heute Morgen gelesen: Nietzsches Inspiration beim Fels in Sils Maria im Oberengadin: Alles kehrt ewig wieder, also auch jeder einzelne Augenblick des Lebens. Wie soll man jeden Moment leben, wenn er für die Ewigkeit bestimmt ist? Der Druck ist hoch, auch der Lohn, wenn man dem Druck standhält.