Knausgård

“Im Winter” von Karl Ove Knausgård ist ein Buch, das wir cleveren Agenten und Verlegern zu verdanken haben. Gierig greifen sie nach jedem Text dieses Autors, werfen sie alle auf einen Haufen und nennen es ein Buch. Das der innere Zusammenhang zwischen den Texten fehlt, spielt keine Rolle, eine solche lässt sich mit einem Titel („Im Winter“), einem Programm („Im Sommer“, „Im Frühling“, usw.), und einem entsprechenden Rückklappentext („Eine Liebeserklärung an das Leben …“ usw.) schon schaffen. Das kann man nur machen, wenn der Name des Autors genügt, um Bücher zu verkaufen. Nur wenige Namen haben ein entsprechendes Gewicht, zumindest in der Literatur, die sich die ernsthafte nennt. Erstaunlich, dass es im global angelsächsisch dominierten Literaturbetrieb vor allem zwei merkwürdige ausländisch (sprich unenglisch) klingende Namen sind, die solches zustande bringen. Knausgård eben, und Murakami. Knausgård, dieser Norweger, der auf norwegisch einfach alles aufzuschreiben scheint, was ihm so durch den Kopf geht und damit Lesern in dreißig Sprachen den Kopf verdreht. Im vorderen Klappentext wird er dann gleich auch für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. (Auch Murakami wird immer wieder als Kandidat für diesen Ehrenpreis aus Schweden gehandelt.) Man runzelt ob soviel verlegerischer Bescheidenheit schon ein wenig die Stirn. Aber das Komitee für den Literaturnobelpreis hat ja schon oft danebengegriffen. (Und natürlich gibt es neben den ernsthaften auch Genreautoren, die alles verkaufen. Und literarische Autoren (noch viel ernsthaftere), die alles, was sie so dahinkribbeln in die Veröffentlichungsmühle werfen, wenn auch nicht unbedingt verkaufen. Paul Nizon zum Beispiel. Den liest aber fast niemand. Außer mir natürlich. Ich liebe den alten Berner in Paris.)

So lese ich heute Morgen in der Küche also Knausgård (und nachher Seume). Trotz der kritischen Worte muss ich dem Norweger zugestehen, dass seine Stimme einem bei der Hand nimmt und auf einen Weg führt, den man nicht mehr verlassen will. Man geht immer weiter mit ihm, auch wenn der innere Zusammenhang fehlt. Ich mag diese kurzen Essays wirklich gerne.

Eine Geschichte des Lesens

Abgeschlossen: „Eine Geschichte des Lesens“ von Alberto Manguel. Im Nachsatz die folgenden Worte von Virginia Woolf (welche sie in einem Schulaufsatz geschrieben hatte!): „Manchmal träume ich vom Tag des Jüngsten Gerichts, an dem die großen Eroberer und Richter und Staatsmänner ihre Belohnungen empfangen – ihre Kronen, ihre Lorbeerkränze, ihre Namen unauslöschlich in unvergänglichen Marmor eingemeißelt –, dann wird sich der Allmächtige zu Petrus wenden und wird, wenn er uns mit unseren Büchern unter dem Arm kommen sieht, nicht ohne einen gewissen Neid sagen, ‚Sieh, diese brauchen keinen Lohn. Wir haben ihnen nichts zu geben. Sie haben das Lesen geliebt.‘“ Damit ist alles gesagt und ich stelle das Buch ins Büchergestell und wende mich wieder dem Seume zu, der auf seinem Spaziergang nach Syrakus unterdessen in Bologna angelangt ist.

Bird Box und Roma

Ich habe zwei Filme gesehen. „Bird Box“ von Susanne Bier und „Roma“ von Alfonso Cuarón. „Bird Box“ basiert auf einem postapokalyptischen Roman von Josh Malerman – ein Genre, das ich sehr mag, auch wenn ich lesend kaum dazu komme, sondern mich eher in Filmen in solche Welten begebe. Es handelte sich um einen kommerziellen, auf Effekte ausgerichteten Film. Trotzdem ist er sehr gut gemacht. Ein Kinogänger, wie natürlich auch ein Leser, prägte dem Film (dem Buch) die eigene Leseart auf. So findet sich die tiefere Bedeutung einer Geschichte – und zwar jeder Geschichte – immer im Zuhörer oder der Zuhörerin. Dies ist auch in Genregeschichten der Fall, deren erstes Ziel eben nicht das Verkünden tieferer Wahrheiten, sondern das Auslösen eines Schock- oder Spannungseffekts ist. So sind gerade auch Horrorgeschichten, schürft man nach Bedeutung, oft recht ergiebig. Sie sprechen vom ewigen Kampf gegen das Böse und den Tod. Jemand – vielleicht war es David Mamet – hatte einmal gesagt: „Stories are not about the message. If I have a message, I send an email.“

„Roma“ ist in einem gewissen Sinne das Gegenteil von „Bird Box“. Ein persönlicher, autobiographisch inspirierter Film des Mexikaners Alfonso Cuarón. Es geht um seine Kindheit im gehobenen Mittelklassequartier Roma in der Stadt Mexico. Die Hauptperson ist die Hausangestellte einer Familie – eine „India“, die auch noch die alte Sprache spricht. Sie stammt aus einem armen Dorf im Hinterland und hat wohl nur wenige Jahre an der Schule verbracht. Trotzdem und trotz ihren Lebensumständen, welche von der Arbeit und vom Dienst bestimmt sind, und ihr nur wenig Zeit für sich selbst lassen, erweist sie sich als ein Fels in der Brandung, an dem die Familie, der sie dient, Halt findet in den anscheinend stürmischen siebziger Jahren in Mexico. Sie verfügt über Besonnenheit und Mut. „Roma“ ist ein Film, in dem die Männer sich vor der Verantwortung drücken und Krieg spielen, während die Frauen dafür sorgen, dass das Leben auch unter schwierigen Umständen weitergeht.

Bálamo

Am Freitag im Bálamo zum Zweiten, dieses Mal mit Carol. Bilanz: ein toller Ort, um einen Abend mit Freunden zu verbringen, aber etwas zu laut und geschäftig für ein Essen zu zweit. In dem Falle wäre die Intimität eines kleineren Restaurants vorzuziehen. Die Küche ist gut, es gibt genügend Kellner, so viele, dass die Organisation fast militärisch aufgestellt ist, mit Bereichsleitern, die Befehlsgewalt über gewöhnliche Fußsoldaten haben, und freien Agenten, die durch die verschiedenen Bereiche patrouillieren, um nach Gästen Ausschau zu halten, deren Wünsche durch die Maschen der Netzte der regulären Truppen gegangen sind. Man kann also nicht sagen, das Personal sei nicht aufmerksam. Trotzdem ist der Service, obwohl gut geplant, noch nicht perfekt. Natürlich handelt es sich um Massenabfertigung, wenn auch in schöner Umgebung. Die Wand des Restaurants besteht aus einem riesigen vertikalen Garten, dem „größten Europas in einem Restaurant“, wie man uns mitteilt.

Wir bestellten: Camarónes, Chipirónes, Langostinos a la plancha und zwei Austern. Zum Dessert: Einen Schokoladenbrownie mit Glacé und Käsekuchen. Camarónes sind winzige, frittierte Krevetten, die man samt Schale, Kopf und Beinchen isst. Sie sind gut, aber einen ganzen Teller teilte man besser an einem größeren Tisch, da es einem zu zweit schnell zu viel wird. Die Chipirónes waren wunderbar. Es handelt sich dabei um kleine, grillierte Tintenfische (nicht die Arme, sondern nur der Rumpf). Langostinos sind Riesenkrevetten, die man, im Gegensatz zu den Camarónes, natürlich schält. Die Austern schmeckten, als öffnete man mitten im Meer den Mund. Das Dessert war gut, wenn auch nicht hervorragend – der Zucker tat auf alle Fälle seine Wirkung.

Das neue Restaurant hat in der Region südöstlich von Madrid in kürzester Zeit eine große Bekanntschaft erlangt. Jeder spricht davon; wer noch nie dort war, hat vor, es bald nachzuholen. Ganze Lastwagen voller Fische und Meeresfrüchte müssen hier wohl jeden Morgen abgeladen werden. Mag die spanische Politik konfus sein, die EU in einer Krise stecken, und unser Wirtschaftssystem vor Umbrüchen stehen, aber noch wird getafelt wie im alten Rom und zwar nicht nur am Hofe, sondern auch in der Agglomeration. Der nicht mehr ganz junge Mann am Nebentisch lässt für sich und seine Begleiterin nach zwei Stunden Abendessen noch eine Portion Pulpo auftragen, die sie dann aber nicht mehr anrühren. So demonstriert er auf dieser ersten (oder vielleicht schon zweiten) Verabredung, dass er sich eine gewisse Dekadenz durchaus leisten kann. Die Tafel und das Bild, das sich uns bietet, spricht von einer blühenden Zeit. (Aber natürlich ist es, so, dass mancher aus den umliegenden Blöcken, sich ein Essen im Bálamo nicht leisten kann. Doch das ist kaum zu sehen; Prekarität trägt man in Spanien nicht nach außen. Solche Situationen werden innerhalb der Familie geregelt. Es gibt Familien, in denen sämtliche Kinder und Enkel von der Pension des Großvaters leben.)

Schweine

Gestern auf der Heimfahrt von der Schule an einer Tankstelle gehalten, um Wasser zu kaufen. Schon beim Heranfahren über die weitläufige Betonfläche, welche die Tankstelle von der Autobahn trennt, sah ich den Schweinetransporter bei einer Zapfsäule stehen. Sonst war niemand am Tanken. Ich hielt an, wir stiegen aus. In einiger Entfernung rauschte leise die Autobahn. Auf der anderen Seite der Tankstelle ein weites, einsames Feld. Ein kalter Wind strich über Tankstelle und Feld. Weit draußen bewegten sich sanft die Bäume. Der Himmel war tiefblau. – Die Schweine quiekten. Hinter den Gittern des Lastwagens, in dem sie ihre erste und letzte Reise angetreten, standen sie dich aneinandergedrängt. Als fänden sie einfach keine bequeme Position, wendeten und schüttelten sie sich unentwegt. Irgendwo im Innern des Lastwagens begann ein Kampf. Ein Stampfen und Holpern und Quieksen erfüllt die Luft. Der mächtige Lastwagen schaukelte hin und her. Wir gingen schnell am Schweinetransporter vorbei in den Laden der Tankstelle. Dort kaufte der Chauffeur des Lastwagens Coca-Cola, Schokoriegel und Brot. Wir kauften eine Falsche Wasser und fuhren nach Hause.